Hallo zusammen,
in einem Parallelthread findet gerade eine empirisches Ermitteln von Gestaltungsregeln statt. Ich will hier mit der Theorie der Gestaltung anfangen. Ich werde das Aquarium als dreidimensionales Bild behandeln und versuchen die Regeln der Foto- oder allgemeiner der Bildgestaltung auf die Aquariengestaltung anzuwenden. Dabei will ich auf die häufigsten Fehler in der Aquariengestaltung eingehen.
1) Farben: Am meisten stört mich oft das bunt zusammengewürfelte Chaos der grellen Farben. Normalerweise geht da wirklich alles chaotisch durcheinander. Anlass für mich, zuerst einmal die Möglichkeiten der Farbgestaltung anzusprechen. Es gibt eine Vielzahl von möglichen Kombinationen, die diese Seite zusammenfasst. Eine sehr gute Reihe in englischer Sprache mit Beispielen aus der Natur findet sich hier. Diese Reihe finde ich sehr inspirierend und leicht nachvollziehbar, besonders durch die Beispiele. Grundlage aller Farbharmonien ist der Farbkreis nach Itten.
Was ich bislang völlig in der Riffaquaristik vermisse, ist eine harmonische Zusammenstellung ähnlicher Farbtöne. Ich fände es naheliegend z. B. verschiedene Blautöne zu kombinieren und einen ganzen Bereich eines Aquariums oder vielleicht auch ein ganzes Nanobecken damit zu gestalten. Das ist ein Gedanke, den ich glaube ich schon mehr als 10 Jahre mit mir herumtrage aber nie umgesetzt habe.
Mit den leuchtend-fluoreszierenden Grün- und Gelbtönen geht es vermutlich nicht, die sind so leuchtend, dass ich denke, die müssen durch eine andere Farbe gebrochen werden. Da würde sich eine Kontrastfarbe anbieten.
2) Linienführung: Die Linienführung kann Tiefe vermitteln oder das Gegenteil. Eine Linie kann auch eine gedachte Linie sein, die zwei Punkte verbindet. Die Wirkung von Linien ist m. E. universell und leicht nachvollziehbar. Man male einen kräftigen Kreidestrich quer über einen Gehsteig, er wird eine sichtbare Wirkung auf die Passanten haben. Ebenso in der Fotografie oder im Aquarium. Eine Straße, ein Fluss, ein Zaun oder eine beliebige andere Struktur, die Quer zu unserem Blick verläuft, wird das Bild "blockieren". Das Bild oder das Aquarium wirkt im ungünstigeren Fall abweisen und lässt keine Zugang zu. Im günstigeren Fall wirkt es banal-plakativ und ist auf einen billigen Schaueffekt aus, wodurch man ebenfalls schnell das Interesse verliert. Fazit: "Kaimauern" sind vermutlich der größte Fehler der Aquariengestaltung.
Die Linienführung sollte die Perspektive unterstützen und uns, unseren Blick, in die Tiefe leiten. Besonders wirksame Linien sind Diagonalen und S-Kurven.
Es gibt auf- und absteigende Diagonalen, die gegensätzlich wirken. Ein Paradebeispiel ist das schon in einem anderen Thread erwähnte Bild von Caspar David Friedrich "Eismeer": Das aufgetürmte Eis bildet einen scharfkantigen Pfeil, der sich in das Schiff bohrt. Die abfallende Diagonale wirkt negativ, weist auf den Untergang hin und leitet den Blick zum zerstörten Schiff, das bereits großteils versunken und von Eis begraben ist. Das Bild erzählt eine ganze Geschichte: Einheit von Darstellung und Aussage. Natürlich werden wir im Aquarium vorzugsweise aufsteigende Diagonalen verwenden.
S-Kurven führen sehr harmonisch in die Tiefe.
Alle Linien sind natürlich dreidimensional zu denken.
3) Aufteilung: Wurde schon oft angesprochen. In der Fotografie ist die Drittelung als einfachste mögliche asymmetrische Teilung (ein Baum 1/3 von rechts oder links platziert, steht asymmetrisch) üblich. In einem Buch über Wasserpflanzen wurde auf eine genaue Einhaltung des goldenen Schnitts oder des Verhältnisses 5 : 3 für die Gestaltung des "starken Punktes" hingewiesen. An dieser Stelle sollte ein auffälliger Solitär, ein Blickfang platziert sein. Auch eine Riffschlucht oder anderes wichtige Element ist entsprechend zu platzieren.
Äußerst ungünstig sind mittige Platzierung und Symmetrie, ähnlich wie die frontale Anordnung: banal und langweilig.
Natürlich sind diese Verhältnisse auch in der Tiefe und Höhe anzuwenden.
4) Rahmen oder nicht? Gemeint ist nicht der Aquarien-Rahmen sondern ein gestalterischer Rahmen. Ein Rahmen gibt einem Bild halt und grenzt es ab, kann die Harmonie verstärken. Eine Riffschlucht wird immer einen Rahmen haben, da es völlig unnatürlich wirken würde, wenn das Riff aus der Schlucht ansteigen und zu den Seitenscheiben schon wieder abfallen würde. Eine Riffschlucht wird sich also an die Seitenscheiben anlehnen und somit einen Rahmen bilden. Ein sehr gutes Beispiel ist im Fossa und Nilsen, Band 2, S. 15.
Kein Rahmen dann, wenn Offenheit, Weite und/oder Transparenz vermittelt werden soll. Ein Beispiel aus der Natur wäre eine Sandwüste. Selbst ein passender Rahmen aus zwei Palmen oder einem Gebäudefenster würde den Eindruck der grenzenlosen Weite zerstören. Die Offenheit und Unbegrenztheit wird Aquarien größer erscheinen lassen. Gute Beispiele zeigt Clemens hier.
Soweit ein paar fundamentale Regeln zur Aquariengestaltung. Die Umsetzung und Realisierung können wir diskutieren.
Grüße
Hans-Werner




