Hallo liebe Forengemeinde,
im Zuge eines Problems mit meinem BK 300 habe ich mir mal die meisten Themen, die sich mit Abschäumung befassen durchgelesen. Einige Dinge, die immer noch recht kontrovers diskutiert werden, sind aus meiner Sicht mittlerweile doch ziemlich klar. Hierzu muss ich jedoch etwas weiter ausholen.
In meiner Funktion als Vorsitzender eines Anglervereins stehe ich auch in Verbinung mit Institutionen, die sich beruflich, wissenschaftlich mit dem Bereich "Wasser" auseinandersetzen. (Wasserwirtschaftsämter, Fischereifachberatung, Fischzüchter, Kläranlagenbetreiber etc.) Im Rahmen des oberbayrischen Fischereitages, vor zwei Wochen in Lenggries, habe ich einen Vortrag gehalten, der sich mit den Nährstoffsituationen, Fischpopulationen und Algenaufkommen in obb. Gewässern beschäftigt.
Wer jetzt glaubt das hat nichts mit Meerwasseraquaristik zu tun, der irrt! Durch die Kläranlagen sind die Nährstoffwerte in vielen Gewässern in den letzten 30 Jahren um über 90 % gesunken. Typische Werte in vielen obb. Gewässern sind NO3 ca. 1mg, PO4 ca. 0,01mg! (Man beachte das Missverhältnis von Nitrat zu Phoshpat 100/1). Was die Wissenschaftler extrem verwirrt hat, ist die Tatsache, dass jedoch die Algenmasse nicht im gleichen Maße wie die Nährstoffe zurückgegangen sind!
Die Algenpopulation hat sich nur VERSCHOBEN vom "Guten" Phytoplankton, bestehend aus Grünalgen
hin zu allerlei unerwünschten Formen von Goldalgen, Dinos, Kieselalgen und Cyanos. Zusätzlich begannen gewaltige Mengen an Wasserpest und Nixkraut zu wuchern. (Bericht im Münchner Merkur im Aug. "Ist der Ammersee in 20 Jahren tot" und "Wasserpest bedroht obb. Seen")
Der Ozeanograf Redfield hat in marinen Algen ein Verhältnis von C/N/P (Kohlenstoff/Stickstoff/Phosphor) von 106:16:1 festgestellt. Es kristallisiert sich immer mehr heraus, dass dieses Verhältnis für alle aquatischen Lebensformen von größter Wichtigkeit ist! Bei sämtlichen Versuchen (egal ob Süß-oder Seewasser) stellt sich heraus, dass bei Abweichungen von dieser Formel die natürliche Nahrungskette Phytoplankton (Grünalgen), Zooplankton (Kleintierchen) Fische zurückgedrängt wird und der freiwerdende Platz von Ernährungskünstlern wie Kieselalgen (Kieselsäure) Cyanobakterien (Stickstofffixierer) oder höheren Algen eingenommen wird!
Mein Rezept für ein funktionierendes Riffaquarium (Bin seit 40 Jahren Aquarianer, davon 18 Jahre Meerwasser) lautet daher.
1. IMMER das Redfield Verhältnis beachten, in erster Linie Nitrat zu Phosphat = 16:1.
Ob sich das auf höherem oder niedrigerem Level abspielt ist erstmal zweitrangig.
2. Der Abschäumer soll so großzügig bemessen sein um die Nährstoffe DAUERHAFT auf dem gewünschten (niedrigen wegen Farbigkeit ) Level zu halten.
3. Mit PO4 Absorber, Nitratdünger, Wodka etc. kann ich ein evtl abweichendes Verhältnis einstellen.
4. Jetzt wirds interressant! Luft besteht zu etwas über 20% aus Sauerstoff und knapp 80% aus Stickstoff.
Das heisst, durch kräftige Abschäumung bringe ich in erster Linie massiv Stickstoff ins System ein!!
(Sehr empfehlenswert hierzu der Thread vom 26.11.2004 "Gibt es zu Große Abschäumer", wo Klaus Jansen, Robert Baur und Andere über "Luftembolien" bei Fischen aufgrund Verwendung grosser Abschäumer diskutieren. Freunde, was Ihr da gerätselt habt war eine Gasblasenkrankheit verursacht durch Stickstoffübersättigung, googelt mal danach! Verundert mich etwas, dass Leute die sich berufich mit Abschäumern befassen mit den Grundlagen der Wasserbehandlung nicht sooo vertraut sind)
5. Jetzt wirds noch interessanter: Cyanobakterien (ich rede hier von der Reinwasserform) lieben zwei Dinge:
Erstens: Wenig Konkurrenz durch andere Algen/Bakterien, sprich ein NIEDRIGES NÄHRSTOFFMILIEU.
Zweitens: Eine ERGIEBIGE STICKSTOFFQUELLE! Dann sind sie in der Lage, sich durch Stickstofffixierung aus der Luft einen Vorteil gegenüber anderen Konkurrenten zu verschaffen! Das heisst: Durch Abschäumung sorgen wir für niedrige Nährstoffverhältnisse einerseits und andererseits für eine PERMANENTE STICKSTOFFDÜNGUNG DER CYANOS!! (Klaus hat jetzt schon Angst :P)
Vielfach kann man nach Abschaltung des Schäumers einen Rückgang der Cyanos feststellen.
Heisst das wir brauchen keinen Abschäumer mehr? Nein, im Gegenteil. ES KOMMT DARAUF AN DEN SCHÄUMER RICHTIG EINZUSETZTEN !
Der Schäumer soll so gross bemessen sein um ein (einmal erreichtes) niedriges Nährstoffmilieu zu halten.
Vielfach taucht dann das Problem auf, dass die Nährstoffe bei weiterem Betrieb Richtung nn. gehen und man fängt an den Schäumer ganz oder teilweise abzuschalten. LIEBE ABSCHÄUMERHERSTELLER. BAUT DOCH BITTE ENDLICH EINE LUFTREGULIERUNGSDÜSE EIN! Ich habe an meinem BK 300 einen kleinen Kugelhahn an die Lufteinzugsdüse geklebt. Damit bin ich in der Lage die Luftzufuhr und damit die Abschäumleistung STUFENLOS zu regeln !!
Die Stickstoffeintragung soll so gering wie möglich ausfallen. Hohe Schäumer, hoher Pumpendruck, nach unten gerichtete Einströmung, all das begünstigt die Stickstofflösung im Medium Wasser.
Das Wasser, das den Schäumer verlässt muss die Möglickeit haben, den aufgenommenen Stickstoff wieder auszugasen. Das erreicht man durch grosszügig bemessene Rohrleitungen, in denen das Wasser möglichst drucklos, an der Wasseroberfläche dahinplätschert. In meinem Technikbecken ist der BK Ausfluss von der Rückförderpumpe weggerichtet, so dass das Schäumerwasser erst mal zum entgegengesetzten Ende des TB plätschert, bevor es von der Rückförderpumpe ins Becken geleitet wird. Dort angekommen lass ich es oberflächennah einströmen. Die Gesamtgassättigung kann man sogar messen. Jeder Schäumerhersteller sollte so ein Gerät, genannt SATUROMETER, sein Eigen nennen. Damit kann man die verschiedenen Faktoren, die Einfluss auf die Stickstoffsättigung haben bewerten und entsprechende Hinweise in den Bedienungsanleitungen der Abschäumer einbringen.
6. Noch ein Wort zu nn. Werten. Wenn ich kein Nitrat/Phosphat mehr messen kann, heisst das nicht dass nichts mehr vorhanden ist! Ohne Nitrat/Phosphat ist KEINERLEI tierisches oder pflanzliches Leben möglich.
(Deshalb sterben auch Korallenbestände gerne innerhalb weniger Tage komplett ab, wenn mal wirklich nichts mehr da ist). Ich plädiere deshalb dafür, die Nährstoffe nur soweit abzusenken, dass ich sie noch messen (bitte nur Profitests) und somit Redfield einhalten kann! Sobald ein Wert nicht mehr messbar ist
gleicht das ganze einem Glücksspiel und den "Bösen" Algen/Bakterien ist Tür und Tor geöffnet.
Kann mich immer amüsieren über die Probleme der "Zeojünger", z. B. bei Cyanos: Nimm doch bitte 3 Tropfen Zeo-A, 12 Tropfen Zeo-B und 7 Tropfen Zeo-C pro Tag dann noch Soundsoviel Zeo-igendwas pro Woche. :ylol. (Will jetzt aber nix gegen Zeo-Verehrer sagen, jeder wie er will)
DANKE an alle, die die Geduld hatten bis hierher mitzulesen. Vielleicht entwickelt sich ja eine interessante Diskussion daraus.
Viele Grüße
Robert
