Merkwürdiges verhalten des Fischbesatz

  • Hallo, ich wollte einmal fragen, ob jemand das nachfolgende verhalten schon einmal beobachtet hat, oder mir erklären kann.

    In meinem 400l Becken habe ich ziemlich anfangs einen Paracheilinus carpenteri (Carpenters Zwerglippfisch) eingesetzt. Das Tier war von Anfang an wohl ein angeschlagenes Exemplar.

    Direkt am nächsten Tag nach dem einsetzen, bekam er Pünktchen. Ein paar Wochen später hatte er ein Glupschauge, was sich nach wiederum ein paar Wochen wiederholte. In der Zwischenzeit zog ein Cirrhilabrus aurantidorsailis (Goldrücken Zwerglippfisch) ein. Die haben sich gut vertragen.

    Letztens aber hat der Paracheilinus wieder etwas bekommen. Die Haut wurde blasser fast etwas milchig. Dann hat es angefangen der Cirrhilabrus attackierte den anderen heftigst. Erst dacht ich noch dass es Revierstreitigkeiten sind, aber als dann auch mein Centropyge acanthops pärchen den Paracheilinus angriffen und sogar das Ocellaris Weibchen, habe ich ihn separiert. Nach kurzer Zeit ist der arme Kerl dann verendet.

    Warum ist fast der gesammte Besatz auf den einen losgegangen?

    Ich würde gerne wieder einen Paracheilinus nachsetzen. Meint ihr das es möglich ist? Oder ist das risiko mit dem Cirrhilabrus zu groß?

  • Hallo SveMo,

    es ist nicht so kompliziert! In der Natur wird nichts achtlos weggeschmissen, oder noch einfacher alles wird verwertet. Wenn ein Tier Schwächen zeigt ist es ein "gefundenes Fressen" für andere gesunde Fische. Auf diese Weise findet auch eine Selektion statt – survive the fittest! Nur die besten Gene sollen sich vermehren.

    Ist für machen grausam, aber so ist se eben, die Natur!

    Gruß

    Eric

  • Ich würde noch ergänzen, dass Krankheiten oft durch Stress ausgelöst werden. Von zuviel Besatz bis unpassenden Besatz bis Becken zu klein bis zu wenig Schlafplätze bis unpassenden Futter ... Ist vieles dabei. Lippfische per se sind eher Vielschwimmer und ich würde Lippfische dieser Größe nicht in Becken unter 1,5-2 m Länge setzen.

    Nur so meine Vermutung

    VG

    Chris

  • Ich würde es so erklären: In jedem, mit Fischen besetzten Becken, exestiert eine Rangordnung, profan auch Hackordnung genannt. Jedes Fischlein merkt sich im Laufe von Auseinandersetzungen, wer ihm über- und wer ihm unterlegen ist. Durch die Krankheit des Paracheilinus ist seine ehemalige Fähigkeit sich unterzuordnen gestört, abhanden gekommen. Das hat Konsequenzen in der Hierarchie. Eine Rangordnung ist auf Dauer nie stabil. Die Karten werden neu gemischt.

    Gruss

    Hajo

    Trenne dich nicht von deinen Illusionen!
    Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter existieren,
    aber aufhören zu leben.
    (Mark Twain)

    Wenn ich die See seh, brauch ich kein Meer mehr!

  • Aus der Ferne ist das nie wirklich zu klären, da kann man nur Erklärungsversuche geben, was oft in Kaffeesatz-Deutung mündet. Denke bitte daran, dass wir nur die Informationen haben, die Du geschrieben hast und das im Rahmen der allgemeinen Erfahrung mit Fischen im Aquarium einordnen müssen. Wenn man nur einen Nagel berichtet bekommt, greift man unwillkürlich direkt zum Hammer. Das mal vorweg.

    Aber wenn das Zusammenleben zuerst normal war Wochen lang oder sogar Monate lang, und dann der Besatz fast geschlossen auf ein Tier los geht, dann würde ich weniger eine Rangordnungsklärung vermuten, sondern eher ein Vertreiben von kranken Tieren, die man nicht in der Nähe haben will. Schließlich könnten kranke Tiere auch andere anstecken und Räuber anlocken. Kranke Tiere werden oft ausgestoßen aus der Gemeinschaft.

    Im Aquarium hat der Kranke aber keine Möglichkeit, auszuweichen und wegzuziehen. Also endet das Wegbeißen der Fische nicht. Dazu kommt noch die Hackordnung, wenn alle auf den einen kranken Fisch rumhacken macht man ebenfalls mit, das ist bei Menschen auch nicht anders.

    Es ist gut möglich, dass der Fisch direkt schon geschwächt ankam. Ichtyo ist ein typischer Schwächeparasit, der bei Stress und Schwäche ausbrechen kann. Dieses ständige Kränkeln mit dieser und jener Krankheit könnte aber auch darauf hindeuten, dass er sich nie erholte und wieder fit wurde. Es schaukelte sich eher weiter auf, bis er wirklich stark krank wurde. Hat er zu dem Zeitpunkt noch gefressen oder war er eher schon ziemlich apathisch? Dann hat die ruppige Behandlung der übrigen Fische ihm praktisch den Rest gegeben.

    Kaum jemand hat die Möglichkeit, einen Fisch erst in Quarantäne wieder fit zu bekommen mit Ruhe, UVC und guter Vitaminisierung oder auch notfalls Medikamenten. Manchmal ist es auch tatsächlich besser, wenn ein Fisch direkt ins Becken kommt und dort seine Ruhe findet, einen perfekten Weg für jeden Fall findet man leider nicht. Ratsam ist es jedenfalls, gut und reichlich zu füttern und für gute Wasserwerte zu sorgen, auch UVC für die Senkung der allgemeinen Keimdichte ist nicht verkehrt, aber eine Garantie für ein Durchkommen wird Dir keine geben können.

    Viele Grüße

    Sandy

  • Bei Fischen kommt es immer wieder zu Veränderungen in der Rangordnung/Hackordnung, da einige von ihnen dominanter werden, andere dagegen durch Krankheit oder Verletzung geschwächt sind, was dann ihre Position in Frage stellt. Das Resultat wird dann im Volksmund "Mobbing" genannt. Allerdings werden auch kerngesunde Fische gemobbt.

    Fische erkennen keine Krankheit, nur eine Wesensveränderung. Daraus resultierende abnormale Verhaltensweisen führen zu auslösenden Reizen, die dann in einer festen Hiercharchie zu Konflikten führen. Wobei das schwächste Glied zuerst unter "Dauerfeuer" kommt.

    Gruß

    Hajo

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    (Mark Twain)

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  • Das Thema schreit nach einer Erklärung aus der Verhaltensbiologie!

    Warum werden alte, schwache oder kranke Fische gemobbt?

    Die Erklärung liefert uns die Evolutionsbiologie.

    Das Verhalten von erhöhter Aggressivität bis hin zu regelrechter Jagd beruht auf einer Kombination von Faktoren: Überlebensinstinkte, Krankheitsvermeidung und die Vorteile einer gesunden sozialen Gruppe. Zeigt ein Fisch Krankheitszeichen oder abnormale Reaktionen wird er zur Zielscheibe und seine Verletzlichkeit löst instinktive Reaktionen bei seinen gesunden Artgenossen aus. Wenn ein Fisch krank wird, verändern sich seine sozialen Eigenschaften innerhalb der Gruppe, wodurch er leicht zur Zielscheibe wird.

    Das Prinzip des Überlebens

    In der Natur sind Resourcen knapp. Ein kranker Fisch stellt das schwächste Glied in einer Gruppe dar. Das Entfernen des kranken Fisches, sei es durch direkte Aggression oder den Entzug von Resourcen kommt den gesünderen Individuen zugute, da die Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum verringert wird.

    Krankheitsvermeidung

    Fische können subtile Veränderungen im Verhalten und sogar im Aussehen und sogar im Geruch wahrnehmen, die auf eine Krankheit hindeuten. Indem sie den kranken Fisch vertreiben oder töten verringern die gesunden Fische ihr Ansteckungsrisiko. Das ist besonders wichtig in beengten Umgebungen, wie Aquarien oder dichten Fischschwärmen.

    Risikominderung durch Fressfeinde

    Ein kranker, schwacher Fisch, der unregelmässig schwimmt oder hinter der Gruppe zurückbleibt macht den gesamten Schwarm, Gruppe anfälliger für Fressfeinde. Indem die gesunden Fische das alte, schwache oder kranke Tier aussortieren, verbessern sie die Überlebenschancen der anderen. Das ist eine brutale aber effektive Form der natürlichen Selektion.


    Gruß

    Hajo

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