Gefährdet durch Vibrionen ?

  • Hallo Peter,

    ohne eine genaue Nennung der Art, ist das fast so aussagekräftig wie, es sind Bakterien enthalten (wer hätte daran gezweifelt?). Die Gattung Vibrio ist zwar ökologisch-biologisch nicht wirklich so wichtig, wie die zahlreiche Literatur dazu annehmen läßt, aber es sind wahrscheinlich die wichtigsten kultivierbaren Arten und sie kommen im Salzwasser praktisch überall vor. Entscheidend ist die Art. Je nach Art gehen Bakterien der Gattung Vibrio mit ihren Wirten Beziehungen von symbiontisch bis pathogen ein. Wahrscheinlich könnten die Brachionus ohne Bakterien der Gattung Vibrio nicht einmal ihre Algenkost richtig nutzen. Nur wenige Algenfresser sind in der Lage die Polysaccharide (größere Kohlenhydrate) der Meeresalgen selbst abzubauen, bei den meisten erledigen das symbiontische Bakterien, insbesondere der Gattung Vibrio. Und wie schon geschrieben, geben einige dieser Symbionten Antibiotika gegen bestimmte pathogene Gattungsgenossen ab. Also ab in die Tonne mit dem undifferenzierten Feindbild Vibrio!

    Grüße

    Hans-Werner

  • Hi Werner,

    ja das dachte ich mir auch schon, denn vermutlich nur ein kleiner Teil der Gattung ist pathogen. Ich müsste über das Literatur Verzeichnis die jeweilige Arbeit raussuchen ... aber das ist mir zu viel Arbeit. Ich wollte damit nur sagen, das ich mit Fischzucht und bald fast 50ig Aquarien ganz sicher zu einer "Risiko Gruppe" gehöre :winking_face:

    Grüße und schönen Tag
    Peter

  • Es ist sicher richtig, jetzt nicht allgemein einer Vibrionen-Hysterie zu erliegen. Bald wird dann jeder ungeklärte Todesfall bei unseren Fischen auf das Konto der Vibrionen gebucht. Es sind nur die in den Quellen angegebenen humanpathogenen Vibrionenstämme wie z.B. Vibrio vulnificus, Vibrio parahaemolyticus relevant. Wie bei anderen Bakterien gibt es auch hier Unterarten, die völlig harmlos sind oder sogar symbiotisch genutzt werden.

    Zu dem Thema Symbiosebakterien/ Nahrungsausfschluß habe ich noch diesen Artikel (ohne Vibrio :])gefunden:

    Zitat

    Wissenschaftler fanden in den Mägen von Doktorfischen symbiotische Bakterien und Einzeller in großer Zahl, die wahrscheinlich erheblich am Nahrungsaufschluss und an der Bildung von lebenswichtigen Vitaminen beteiligt sind. Mehrtägiges Fasten vertragen Doktorfische erfahrungsgemäß schlecht. Vermutlich sterben ihre einzelligen Symbionten im leeren Magen rasch ab. Oft begegnen uns in Zoofachgeschäften abgemagerte Doktorfische mit bereits starkem Muskelschwund an den Flanken und am Rücken. Sie sind meistens Todeskandidaten, selbst wenn sie die vom Händler gereichten Mysis gierig fressen und anschließend einen gerundeten Bauch aufweisen. Oftmals sind sie nämlich nicht mehr in der Lage, die aufgenommene Nahrung zu verdauen. Hinzu kommen noch die bei den Exporteuren und Großhändlern üblichen Antibiotika-Kuren, die die Darmflora der Fische angreifen. Eine gewisse Chance, sich zu erholen, haben solche abgemagerten Importtiere, wenn sie in ein Becken mit gesunden Doktorfischen kommen. Doktorfische haben nämlich die Angewohnheit, von ihresgleichen regelmäßig Kot aufzunehmen, wodurch eine Wiederbelebung der Magen-Darm-Flora stattfinden kann.


    Quelle: Doktorfische im Riffaquarium, DATZ

    Allles in allem kann der Mensch vom Korallenriff viel lernen, über Recycling und die Kunst, in einer Welt mit knappen Ressourcen gut zu überleben - ein Hinweis darauf, eine bessere Symbiose mit den Pflanzen und Tieren, von denen wir abhängen, einzugehen.
    E.P. Odum 1980 - Grundlagen der Ökologie

  • Hallo Hans-Werner,

    vielen Dank für die interessanten Artikel. Was man nicht alles vor der spanischen Küste bzw. in Seeohren findet. Es gibt viel zu entdecken, bleiben wir dran ... :thup

    Allles in allem kann der Mensch vom Korallenriff viel lernen, über Recycling und die Kunst, in einer Welt mit knappen Ressourcen gut zu überleben - ein Hinweis darauf, eine bessere Symbiose mit den Pflanzen und Tieren, von denen wir abhängen, einzugehen.
    E.P. Odum 1980 - Grundlagen der Ökologie

  • Hallo liebe Vibrio-Freunde,

    aus einer Dissertation mit 247 Seiten einige interessante und "verbindene" Aussagen, die einmal mehr zeigen, das die bösen Vibrionen für die Fische teilweise doch recht nützlich sind und sich hier mit den Beiträgen von Hans-Werner und Peter decken hinsichtlich der "Verdauungsunterstützung" bzw. einer teilweise antibiotischen Funktion gegenüber fischpathogenen Vibrio-Arten. Andererseits sind dabei die zwei humanpathogenen Arten V. parahaemolyticus und V. vulnificus als unschöne Begleitung von Meeresfrüchten und als pot. Infektionsquelle ebenfalls wieder dabei.

    Zitat

    Kapitel 2.3.2.1 Die Primärflora auf Fischen verschiedener Gewässer

    Im Darm ist die Keimflora für den Fisch von physiologischer Bedeutung. Der Intestinaltrakt stellt aufgrund von speziellen Umgebungsparametern, wie pH-Wert, Anaerobiose und Gallensalzen, für bestimmte Mikroorganismen eine ökologische Nische dar. Die Funktion der symbiotisch im Darm lebenden Bakterien wird gekennzeichnet durch die Fähigkeit, Algenzellen als Nährstoffquelle für den Fisch zu verdauen (Rimmer und Wiebe, 1987), dem Wirt Aminosäuren und bestimmte Vitamine bereitzustellen (Fong und Mann, 1980; Steffens, 1985) und möglicherweise präventiv gegen die Besiedelung des Darmes mit pathogenen Organismen zu wirken (Onarheim und Raa, 1990). Es wird angenommen, dass die natürliche Mikroflora des Magen-Darm-Traktes durch die Fähigkeit zur Produktion bestimmter Enzyme und antibakterieller Substanzen eine Rolle beim Verdau von Makromolekülen und bei der Prävention vor pathogenen Bakterien spielen kann (Campbell und Buswell, 1983; Sugita et al. 1997). Westerdahl et al. (1991) stellten bei 28 % der aus dem Magen-Darm-Trakt von Steinbutt (Scophtalmus maximus) isolierten Keime eine Hemmwirkung auf einen Vibrio anguillarum-Stamm fest. Diese Keime waren zu 93 % gramnegativ und sensitiv gegen das Vibriostatikum O 129, so dass es sich womöglich um andere Vibrio-Arten handelte. In diesem Zusammenhang ist weiterhin bekannt, dass Aeromonaden, Bacteroidaceae und Clostridien Amylasen und Proteasen erzeugen und somit bei der Kohlenhydrat- und Eiweißverdauung im Darm des Fisches mitbeteiligt sein können, und dass Milchsäurebakterien und Carnobakterien in der Lage sind, Bakteriozine und andere Bakterien-hemmende Substanzen zu erzeugen (Venogupal, 1990; Sugita et al., 1997; Ringø et al., 2000).


    Zitat

    Kapitel 2.3.4.2 Vibrio spp.
    Vibrionen sind gramnegative, fakultativ anaerobe leicht gebogene Stäbchenbakterien mit einer oder mehreren polar angeordneten Geißeln. Sie kommen natürlicherweise häufig in wärmeren Gewässern, in den Mündungstrichtern großer Flüsse, den Küstengebieten der Meere (Lagunen) und in Oberflächenwasser v.a. tropischer Gewässer vor (BOCKEMÜHL, 1992; KRÄMER, 1998). Ihre Ausbreitung ist jedoch von Jahreszeit und Klimazone abhängig. Es wird von einer positiven Korrelation zwischen der Wassertemperatur und der Nummer der isolierten humanpathogenen Vibrionen aus Meerestieren wie auch der Zahl der Erkrankungen bei Menschen ausgegangen (DALSGAARD, 1998). Nach BRENNER et al. (1988) und HUSS (1995) bilden Vibrionen die dominante Keimflora bei Salzwasserfischen. Innerhalb des Genus Vibrio sind 30 Arten bekannt, davon sind 12 für Mensch und Tier fakultativ oder obligat pathogen (FELDHUSEN, 1999). Die für den Menschen als Lebensmittelvergifter bedeutendsten sind V. cholerae Biotyp O1, V. cholerae non-O1 bzw. O 139 und die halophilen Vibrionen V. parahaemolyticus (Kanagawa positiv) und V. vulnificus. Diese benötigen für ihre Vermehrung eine Kochsalz-Konzentration, die in der Regel in den Küstengewässern der Ozeane vorherrscht (Optimum 1-3 %, Minimum 0,1-0,5 %). Für das Wachstum sind höhere Temperaturen notwendig, so dass Lebensmittel-Vergiftungen vor allem im Sommer bzw. nach dem Verzehr von Meeresfrüchten aus wärmeren Gewässern berichtet werden. Besonders Muscheln und Krebstiere gelten als Reservoir für Vibrionen, sie werden aber auch bei pelagischen Fischen gefunden (DE PAOLA et al., 1994). Dort siedeln sie sich bevorzugt im Darm an, der eine besonders geeignete Nische für diese Keimart darstellt (LARSEN, 1978; MACFARLANE, 1986; THAMPURAN und SURENDRAN, 1998). Sie besitzen die Fähigkeit zur Chemotaxis in Richtung Haut, Kiemen und Darmschleimhaut, wo sie sich anheften (BORDAS, 1998). Ihnen wird auch eine physiologische Bedeutung im Darm von Fischen zugesprochen, da sie im Darm organische Verbindungen mineralisieren können (COLWELL et al., 1977). [...] Der halophile V. parahaemolyticus wird vor allem im südostasiatischen und pazifischen Raum bei Fischvergiftungen isoliert. In Japan verdoppelte sich 1998 im Vergleich zum Vorjahr die Zahl der durch diesen Erreger ausgelösten Infektionen, übertraf sogar die Häufigkeit der Salmonellosen (ANONYM, 1999) und wurde 1993 nach HONDA & IIDA (1993) in 40 bis 60 % aller bakteriellen Lebensmittelvergiftungen in Japan isoliert. V. parahaemolyticus hat sein Wachstumsoptimum bei einer Salzkonzentration von 3 %. Durch den Verzehr unzureichend erhitzter Meeresfrüchte kann sich der Mensch infizieren. Die Erkrankung äußert sich in akutem Brechdurchfall und erhöhter Temperatur. Ausgelöst werden die Symptome durch ein Exotoxin, welches von enteropathogenen Stämmen von V. parahaemolyticus gebildet wird. Dieses Toxin bewirkt eine ß-Hämolyse auf Medien mit menschlichen Erythrozyten (Kanagawa-Phänomen). Die aus klinischem Material isolierten Stämme besitzen fast alle diese hämolytische Aktivität, während nur 1 bis 2 % der aus nicht-klinischem Material oder aus Lebensmitteln stammenden Isolate Kanagawa-positiv sind (SAKAZAKI, 1986; NICHIBUCHI und KAPER, 1995).
    V. vulnificus kommt in marinen und in Küstengewässern vor und kann nach dem Verzehr von rohen Meeresfrüchten, v.a. von Austern, oder nach Kontakt mit Seewasser Wundinfektionen und primäre Septikämie mit Folgen wie Hautläsionen und Ulzerationen mit tiefgreifenden Nekrosen an den Extremitäten beim Menschen hervorrufen (HØI et al., 1998). Von außen gelangen die Erreger durch Hautwunden in den Organismus und führen zu sekundären Septikämien. Ein Enterotoxin ist verantwortlich für Durchfälle. HLADY (1997) und BRYAN et al. (1999) gehen davon aus, dass besonders bei immungeschwächten Personen oder bei Personen mit chronischen Lebererkrankungen in 50 % der Fälle die Erkrankung tödlich verlaufen kann. In den USA wird dieser Erreger als Hauptursache für Todesfälle nach Lebensmittelvergiftungen durch Meeresfrüchte genannt. DEPAOLA et al. (1994) zeigten, dass die Bakteriendichte an V. vulnificus im Eingeweideinhalt einiger am Meeresboden lebender Fische an der nordamerikanischen Golfküste, die sich vorwiegend von Weichtieren und Krustazeen ernährten, um 2 bis 5 Logeinheiten (108 KbE/100 g) höher war als im umgebenden Brackwasser. Bei einer indischen Untersuchung von frisch gefangenen und auf dem Markt gekauften Seefischen wurde der Erreger im Darm in 16 % bzw. in 17,8 % der Proben mit Keimzahlen von 15 bis 910 g-1 nachgewiesen (THAMPURAN und SURENDRAN, 1998).

    Während der Wintermonate, aus Fischen kälterer Gewässer oder aus gekühlten und gefrorenen Lebensmitteln ist V. vulnificus nur schwer oder gar nicht nachweisbar. Bei tieferen Temperaturen ist er als Reaktion auf den temperaturbedingten Stress in der Lage, Formen mit geringer Größe auszubilden, die lebensfähig, aber nicht kultivierbar sind, "viable but non-culturable - VBNC" (OLIVER, 1995; WEICHART und KJELLEBERG, 1996). Neben V. vulnificus ist diese Fähigkeit sowohl für andere Vibrionen als auch für einige Enterobacteriaceae, Pseudomonaden, Lactobacillen u.a. beschrieben worden.

    Quelle: http://edoc.hu-berlin.de/dissertationen…4/PDF/Sipos.pdf

    Allles in allem kann der Mensch vom Korallenriff viel lernen, über Recycling und die Kunst, in einer Welt mit knappen Ressourcen gut zu überleben - ein Hinweis darauf, eine bessere Symbiose mit den Pflanzen und Tieren, von denen wir abhängen, einzugehen.
    E.P. Odum 1980 - Grundlagen der Ökologie

  • Hallo Torsten,

    vielen Dank für diesen sehr interessanten und aufschlussreichen Auszug. Ich muss gestehen, ich hätte mir wahrscheinlich nicht die Zeit genommen, diesen Treffer durchzusehen. Da wäre mir wirklich etwas entgangen!

    Gruß

    Hans-Werner

  • Hallo Torsten, hallo zusammen,

    hier ein Buch, das ab S. 156 jede Menge Informationen zur Mikrobiologie der Fisch, auch vieler im MW-Aquarium gepflegter Gattungen enthält.

    Gruß

    Hans-Werner

  • Hallo Hans-Werner,

    vielen Dank für den interessanten Hinweis ! :thup

    Allles in allem kann der Mensch vom Korallenriff viel lernen, über Recycling und die Kunst, in einer Welt mit knappen Ressourcen gut zu überleben - ein Hinweis darauf, eine bessere Symbiose mit den Pflanzen und Tieren, von denen wir abhängen, einzugehen.
    E.P. Odum 1980 - Grundlagen der Ökologie

  • Ich bin ehrlich gesagt verblüfft über diesen umfassenden und mit Fakten bestückten Beiträgen.

    RESPEKT !!

    Da ist für uns als relative Anfänger noch sehr, sehr viel Nachholbedarf.
    Daher werde ich mir das hier angesammelte einmal ausdrucken und schrittweise durchlesen, damit das abgebildete auch häppchenweise verstanden werden kann :-))

    Wir können bislang nur auf die fachlichen Informationen aus dem Verein zurückgreifen, die wir mit der notwendigen Ernsthaftigkeit aufgenommen haben und seitdem auch konsequent diverse Sorten des Frostfutters spülen.


    Gruß,
    Bert

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