Überlegung zum Algenwuchs (spez. Grünalgen)

  • Ich möchte mal einen Gedanken spinnen, der vielleicht etwas weit hergeholt ist und vielleicht auch gar nicht stimmt, meiner Meinung nach aber sicher eine Diskussion wert ist.

    Fehlt in Becken ohne oder mit geringem Algenwuchs (Fadenalgen, Braunalgen, Rotalgen -- nicht Cyanos!) nicht irgendwas wesentliches?

    In Fossa/Nielsen (Band weiss ich jetzt nicht genau, glaube 1 od. 2) kommt eine Stelle vor, an der sie schreiben, daß ein Versuch gemacht wurde, aus einem begrenzten Riffbereich alle Algenfresser zu entfernen.

    Innerhalb kurzer Zeit (wenn ich mich recht erinnere 2 Wochen) war lt. Fossa/Nielsen dieser Bereich total mit Algen überzogen.

    Jetzt gibt es aber viele Aquarien - speziell die mit leistungsfähiger Abschäumung, die schon länger laufen - entweder generell sehr wenig Algen oder aber Kalkrotalgen dominieren absolut und es kommen kaum andere Algen vor. Jetzt wäre dies ja erklärbar, wenn viele Seeigel, Doktorfische, algenfressende Schnecken ... darin vorkommen würden, das ist aber in vielen Aquarien nicht der Fall.


    Wie gesagt, ich behaupte hier nicht, daß meine Aussage so stimmt (wäre mit meiner Erfahrung von ca. 2 Monaten vielleicht auch etwas vermessen :grinning_squinting_face: ), micht würde aber Eure Meinung zu diesem Thema sehr interessieren.

    Schöne Grüße aus Oberösterreich
    Karl

    2 Mal editiert, zuletzt von Karl Hauber (19. Dezember 2002 um 10:57)

  • In Korallenriffe herrscht zu jedem Zeitpunkt ein heftiger Kampf um Siedlungsraum zwischen solchen Organismen, die auf Festsubstrat als Untergrund angewiesen sind.
    Natürlich spielen Algen eine wichtige Rolle in aquatischen Ökosystemen, und zwar als Primäproduzenten, die durch ihre Photoautotrophie die Energie solarer Strahlung in chemische Energie in Form von ATP (Adenosin-triphosphat), die universelle Energiewährung der lebenden Zelle, umwandeln. Das ATP kann dann zum Aufbau von energiereichen, höhermolekularen Substanzen (Makromolekülen) wie Zucker, Fettsäuren, Aminosäuren und anderen Verbindungen benutzt werden. Heterotrophe Organismen wie z.B. herbivore Fische weiden dann die Algen ab und können die von den Algen aufbebauten Makromoleküle wieder in kleine, energiearme Verbindungen umsetzen, und ziehen dabei kontinuierlich die Energie aus den Makromolekülen heraus.
    So funnktioniert letztlich die gesamte Nahrungskette (wenn man die Destruenten noch hinzu nimmt).

    Von daher sind natürlich auch Algen im Aquarium wichig. Aber, und das ist der Punkt: Wir haben in unseren Riffaquarien eine enorm große Zahl an photoautotrophen Primärproduzenten, und zwar die symbiontischen Dinoflagellaten (Zooxanthellen) in den Korallen.
    Wie auch im Süßwasseraquarium kann ein starker Pflanzenwuchs einen niedrigen, aber ausreichend hohen Nährstoffgehalt in der Wassersäule stabilisieren.
    Und genau das machen wir auch im Riffaquarium mit den zooxanthelleten Korallen. Allerding ist unser Mini-Riffsystem zu klein, um einem sehr breiten Spektrum von Organismen Platz und einen optimalen Lebensraum zu bieten. Das gilt nicht nur für höhere, schöne Algen, die von den schnell wachsenden Korallen langsam aber sicher verdrängt werden (Ausnahme: Kalkrotalgen, da komme ich gleich noch drauf), sondern auch für viele andere tierische Organismen wie z.B. Tunicaten (Manteltiere), Moostierchen oder auch empfindlichen Schwämmen oder Muscheln.
    Kalkrotalgen (Corallinaceen): Diese Rotalgen sind etwas spezieller, weil sie eben ein hartes Kalkskelett aufbauen (wie die Korallen, aber mit einem anderen Mechanismus) und krustenförmig wachsen. Sie besiedeln solche Stellen, die von den Korallen nicht oder noch nicht bewachsen sind und darüber hinaus siedeln sie in der Regel vermehrt in Schattenbereichen, d.h. dort, wo wir zooxanthellate Korallen meist nicht platzieren. Auch die schnell wachsenden Kalkrotalgen tragen zur Stabilisierung und Senkung des Nährstoffgehaltes in der Wassersäule bei, und in der Tat war es ein großer Fortschritt, als man in früheren Zeiten höhere, unerwünschte Fadenalgen durch schneller wachsende Kalkrotalgen verdrängen konnte. Natürlich hat das auch Nachteile, nämlich das wir durch unseren speziellen Pflegebedürfnisse v.a. der Steinkorallen stets optimalere Lebensbedigungen für Korallen & Kalkrotalgen anbieten als für andere höhere Algen, die dadurch natürlich langsam aber sicher verdrängt werden.

    Im natürlichen Korallenriff ist eigentlich Platz genug für alle und durch spezielle Fortpflanzungs- und Ernährungsstrategien gelingt es dieser Fülle an verschiedenen Organismen, sich an einer geeigneten Stelle für eine gewisse Zeit zu behaupten, z.B. dort, wo herbivoren Organismen eine räumliche Schranke gesetzt wird.

    Ich möchte noch einen Punkt erwähnen, der für das Weiterbestehen der heutigen Korallenriffe von außerordentlich wichtiger Bedeutung ist: Durch Coral Bleaching Ereignisse wird das Wachstum der riffbildenden Korallen für eine gewisse Zeit gestoppt oder stark eingeschränkt. Damit mmt der Konkurrenzdruck der Korallen auf die höheren Algen ab, so dass sich sehr schnell ein Korallenriff zu einem Algenriff umwandeln kann. Dies ist ist der Karibik schon passiert und dort ein großes Problem. Die herbivoren Organismen kommen mit dem Wegfressen gar nicht mehr hinterher und erhalten natürlich ein enormes Reproduktionspotental. Spezialisten, die sich von Korallenpolypen ernähren sind dagegen stark gefährdet. Es ist wie eine Kettenreaktion.
    Algen sind natürlich ein wichtiger Schlüssel zum Fortbestand von Korallenriffen, aber sie können ein Korallenriff dramatisch verändern, wenn ihr Wachstum, wie z.B. auch in unserern Aquarien, Überhand nimmt.

    H Hersteller

  • Hallo Karl,

    neben dem, was Jörg schon gesagt hat, bin ich der Meinung, dass es nicht unbedingt Mengen von Algenfressern sein müssen, um ein Riffaquarium von Makroalgenwuchs praktisch frei zu halten.
    Neben den Schnecken, die mit lebenden Steinen eingetragen werden reicht dann ein Doktorfischpärchen u. U. aus, um die relativ wenigen nicht von Kalkrotalgen oder Korallen bedeckten Flächen eines mittelgroßen Aquariums algenfrei zu halten.

    Grüße

    Hans-Werner

  • Hallo

    Vorsicht eine andere unübliche Perspektive.

    Also ich habe gut 20 Algenarten im Becken neben den Steinkorallen. Arbeit macht mir nur die Caulerpa racemosa da sie wuchert und dauernd ihre Geschlechtsprodukte ins Wasser gibt. Allerdings habe ich auch dannach noch etwas Zeit die ausgebleichten Stellen zu entfernen, da sich die Pflanze ungefähr nach 24 Stunden auflöst. Ich habe noch eine weitere Caulerpaart von der ich als Ersatz einen größeren Stamm aufbaue. Die wächst etwas gemütlicher und ist leichter abzuziehen. Sonst habe ich gute Bestände von Rotalgen die sich behaupten. Sie unterliegen dem Freßdruck durch die Seeigel, die aber auch andere Vorlieben haben. Ihnen sind dünne Schichten der Rotalgen zu arbeitsintensiv das heißt sie arbeiten an rauen Strukturen nicht gründlich so das sich der Bestand immerwieder bei mir erholt. Er breitet sich eher langsam aus. Weitere Algen wären die beiden bekannten Fadenalgen. Die Blasenalgen spielen dann die nächst größere Rolle bei mir. Eine andere Art kann ich gar nicht zuordenen, sie gedeiht aber trotz längerer Versuche nur auf einem Stein. Ich habe keine der Algen besorgt, sondern sie sind alle ais meinen Steinen gewachsen. Die letzten lebenden Steine habe ich vor 2 Jahren eingebracht. Also die Steinen standen 2 Jahre unter großem Fraßdruck und haben sich dann entwickelt als dieser weg war.
    Drahtalgenarten und auch noch einiges andere wächst und verschwindet dann auch mal wieder. Eine Blattkalkalge habe ich von Robert, aber leider nimmt die immer einer der Seeigel mit. Eine weitere Art wuchs auch aus den Steinen.

    Ich kenne viele Leute die gegen Algen was Unternehmen, aber ich greife da nur bei der Caulerpa ein. Die Blattrotalgen schütze ich etwas, damit ich für den Notfall einen Rest habe der dann woanders hinkommt. Der Kalkalgen wuchs ist Super, auch an der Wasseroberfläche uner den Strahlern.

    Als Freßfeinde habe ich drei Seeigel, und insgesamt 6 größere Schnecken in 1000 Litern. Natürlich gibt es viele kleine Schnecken aus einigen Arten.

    Mfg Michael Hannig

    Ps Nachmachen würde ich das aus der Sicht eines anderen so nicht!

    Einmal editiert, zuletzt von Michael Hannig (19. Dezember 2002 um 13:26)

  • hallo jörg,

    nun, ich kenne becken, die hervorragend gepflegt wurden und nach jahren unter fadenalgenplagen fast erstickt sind.

    bislang sind alles nur vermutungen, warum und weshalb sie plötzlich auftreten.

    direkte zusammenhänge sind noch nie bestätigt.

    wenn du schreibst, dass durch die enorme anzahl unserer korallen in unseren becken das milieu für sessiele algen nicht günstig ist, frage ich mich, was in becken mit nur einigen wenigen ablegern vorherscht, wenn dort keine fäden wachsen.

    ist es nicht doch die vielzahl von herbivoren fressern, auch in form von unzähligen schnecken, die ihrer arbeit nachgehen?

    gerade in becken ohne fischbesatz können schnecken ungeahnte populationsmengen entwickeln, die den üblichen algenkurzhaltern wie docs oder seeigel in nichts nachstehen.
    .

  • Hallo,

    @Jörg,
    ich muss Deine Beiträge immer 2x lesen, bis ich es verstehe :grinning_squinting_face: (ist als Kompliment, nicht als Kritik gemeint!).

    Die starke Dominanz der Zooxanthellen in einem "typsichen" Meeres-AQ ist mir klar, auch daß Algen eine Konkurrenz dazu darstellen, die u.U. aus optischen Gründen nicht erwünscht ist. Meine Überlegung zielte auch eher in eine andere Richtung, nämlich ob nicht eine Wasserbeschaffenheit (Nährstoffe, Spurenelemente), die kaum Algenwuchs erlaubt, eigentlich nicht den "natürlichen" Verhältnissen entspricht.

    Natürlich kann man unsere Pfützen nicht mit dem "Originalschauplatz" vergleichen (aus dem Süsswasser weiß ich, daß mit naturähnlich niedrigen Nährstoff- und Spurenelementkonzentrationen nichts zum Wachsen zu bringen ist, weil in dem kleinen Volumen sehr schnell bestimmte Elemente verbraucht sind, die in der Natur zwar in geringen Mengen aber durch die große Wassermenge konstant vorhanden sind).

    @Michael
    Klingt ja sehr interessant, gibt es irgendwo im WWW weitere Informationen (Fotos ...) zu Deinem Becken?

    Danke für die Antworten,

    Karl

Jetzt mitmachen!

Du hast noch kein Benutzerkonto auf unserer Seite? Registriere dich kostenlos und nimm an unserer Community teil!