Hallo Andreas,
um verstehen zu können, warum Meerwasserfische, bei denen es sich überwiegend um Wildfänge handelt, zu Hause im Aquarium erkranken, muss man dort anfangen, wo die Fische herstammen.
Sehen wir uns zunächst mal die Verhältnisse in der Natur an. Im ihrem natürlichen Lebensraum sind meistens 60-80 % der Fische mit diversen Ekto- [=Außen] und Endo- [=Innen] Parasiten infiziert.
Die meisten Fischparasiten befallen ihre Fischwirte, ohne, dass es zu nennenswerten Schäden oder Problemen kommt. Die Parasiten sind dabei meistens nur in geringer Anzahl vorhanden und ihre Vermehrungsformen (Schwärmer, Larven, Teilungsstadien) werden im Riff oder Meer in der vorherrschenden Strömung weit verstreut und finden nur vereinzelt wieder einen neuen Wirt. Manche Endoparasiten müssen über mehrere Zwischenwirte irgendwann über die Nahrung ihren Endwirt erreichen. Die meisten werden wohl zusammen mit dem Zooplankton in irgendeinem Magen landen oder nicht rechtzeitig ihren bevorzugten Wirt finden und zugrunde gehen. Ernsthaft erkrankte und geschwächte Fische, die ein Reservoir für Übertragungsinfektionen bilden können, gibt es hier ebenfalls nicht, da sie mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher von Fressfeinden erbeutet werden.
Selbst wenn die Wildfänge parasitenfrei wären, ändert sich dies aber schnell, wenn sie nach dem Fang mit infizierten Fischen zusammenkommen. Dies dürfte schon direkt nach dem Fang der Fall sein, wenn nicht zu diesem Zeitpunkt, dann beim Exporteur oder spätestens beim Importeur, daran ändert auch die Praxis, Antibiotika und Antiparasitika fast ständig prophylaktisch einzusetzen nichts. Die Kette Parasit-Wirt-Parasit-Wirt wird leider nicht konsequent unterbrochen. Die meisten Parasiten werden auf diese Weise bestenfalls nur dezimiert. Gegen einige der routinemässig verwendeten Mittel bestehen inzwischen Resistenzen, so dass ein Einsatz praktisch keine Wirkung mehr zeigt. Das sind die Gründe, warum kein Händler sicher absolut parasitenfreie Wildfänge anbieten kann. Zudem werden Fische häufig nur "durchgeschleust" zum Endverbraucher. Eine vernünftige Quarantäenhaltung findet meistens nicht mehr statt und sie will offensichtlich auch niemand bezahlen wie ich leider aus der Praxis weiß.
Da jedoch in einem Aquarium völlig andere Lebensbedingungen herrschen als in der freien Natur, wirken sich Parasiten auf Grund des übermäßig hohen Infektionsdruckes, schlechterer Wasser- und Umweltbedingungen, Stress, usw. im Aquarium oft katastrophal aus; ganze Bestände an wertvollen Fischen können dann an Ektoparasiten wie Oodinium, Cryptocaryon oder Brooklynella bzw. Endoparasiten innerhalb recht kurzer Zeit sterben.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass viele Fische mit den sogenannten "Schwächeparasiten" auf Kiemen, Haut oder im Darm in geringer Dichte besiedelt sind, ohne dass man visuell Krankheitsanzeichen erkennen kann. Werden die Fische dann umgesetzt oder anderweitig gestresst, können sich die Parasiten stark vermehren und es werden z.B. weiße Punkte gesehen. Es gibt Parasiten, wie z.B. Brooklynella, die können unter ungünstigen Bedingungen quasi über Nacht aufgrund einer Massenvermehrung Fische töten, die am Vorabend noch als "gesund" beurteilt wurden.
Der einzige Weg daraus, ist eine konsequente Quarantänehaltung und Prophylaxe vor Einsatz ins Riffaquarium. Für mich gehört es zum Standard, jeden Fisch ausnahmslos erst einmal in Quarantäne zu setzen. Ich weiß, dass das die Freude an der Neuerwerbung etwas schmälert und die nachfolgenden Wochen sehr viel Geduld erfordern. Aber es lohnt sich ! Ich kann und will nicht ein vollbesetztes Aquarium, sei es im Süß- oder im Meerwasser mit Farbstoffen oder anderen Chemikalien "behandeln" und hinterher Pflanzen bzw. Korallenverluste beklagen und mir zusätzliche Probleme schaffen. Dafür ist eine solche über viele Jahre gepflegte Gemeinschaft zu fragil und zu kostbar.
Eine UV-Anlage bzw. Ozonisierung vermag hier das Schlimmste verhüten, indem es z.B. schwärmende Parasitenvermehruingsformen reduziert und ggfs. abtötet. Jeder Neubesatz, und dessen sollte man sich bewußt sein, stellt eine potentielle Gefahr für die alteingesessene Beckenbewohner dar. Aber auch jede Änderung wie z.B. Wasserwechsel, zu dichte Haltung, ect. kann über eine Schwächung des Immunsystems latent vorhandene Erreger aktivieren und zum Ausbruch von Krankheiten führen.
Ich weiß, jeder hat eine andere Meinungen und andere Erfahrungen. Viele leben mit den periodisch auftretenen Pünktchen, geben ihre bewährten Hausmittel beim Ausbruch und haben kaum oder gar keine Verluste.
Ich plädiere jedenfalls für eine Quarantäne von mind. 4 Wochen und gebe über 2 Wochen prophylaktisch wirksame Mittel gegen Ektoparasiten. Dabei kann ich die Fische gut beobachten, die Futteraufnahme bewerten, ggfs. Schleimhaut- und Kotproben mikroskopisch untersuchen und jede Verhaltensänderung oder Problem separat außerhalb des Riffaquariums angehen. Ich habe die Neuerwerbungen noch im unittelbaren "Zugriff", was später im Riffaquarium nicht mehr so einfach ist. Cryptocarion und Co. sollten in keinem gepflegten MW-Aquarium vorkommen. Es ist eine unnatürliche Umwelt, die wir den Fischen anbieten, die trotz aller Technik und Erkenntnisforschritts immer nur eine suboptimale Haltung darstellt. Es mag viele Monate und Jahre gut gehen, aber da wir nie alle Umweltparameter ständig im Griff behalten, bricht irgendwann eine Erkrankung mit "Schwächeparasiten" aus. Im vollbesetzten Riffaquarium habe ich dann nur noch sehr begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung und muss zudem in der Lage sein, derartige Erkrankungen extrem frühzeitig zu erkennen, um zumindet noch eine Chance zu Gegenmassnahmen zu haben.
Bei Haustieren und Nutztieren ist es selbstverständlich, dass Parasiten bekämpft werden; Parasitenfreiheit gilt hier als erstrebenswertes Ziel, über das nicht diskutiert wird. Es stellt sich die Frage, warum das bei unseren wertvollen MW-Fischen anders sein sollte ?
[Dieser Beitrag enthält Auszüge aus dem Artikel: "Warum erkranken Fische im Meerwasseraquarium ?", den ich z.Zt. im Rahmen des Forum-Projektes "Fischkrankheiten" erstelle.]