Hallo,
langsam kommen Torsten und ich uns näher. Natürlich könnte ein großes Phosphatangebot ein Auslöser für die Massenvermehrung der Cyanobakterien sein, weshalb man diese Möglichkeit durchaus auch prüfen sollte. Aber insgesamt ist die Situation eben viel zu komplex, als dass man allgemein verbindliche Empfehlungen geben könnte.
So treten Cyanoplagen in der Ostsee z.B. ausgerechnet in phosphatarmen Phasen, wenn dies im Spätjahr bereits stark abgebaut ist, verstärkt auf. Eine ganze Reihe von Stämmen kann im Zellinneren auch Phosphat speichern und in Mangelzeiten abrufen. Dann gibt es Cyanos, welche zur Stickstoffixierung in der Lage sind; gerade aber die in den Aquarien häufigsten Formen sind es dagegen wiederum nicht. Es gibt Untersuchungen, wonach physikalische Kräfte wie z.B. starke Strömung den Zusammenschluss der einzelnen Bakterien zu Matten fördern, aber manche Aquarianer haben ihre Cyanos auch mit starker Strömung "wegblasen" können.
Insgesamt ist dieser Wirrwar auch kein Wunder, denn mit der Massenvermehrung der in Aquarien immer vorhandenen Cyanos beschreibt man nur ein äußerlich gleichartiges Bild, ähnlich wie mit der Bezeichnung Krebs für eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten. Dies liegt einmal an der Vielzahl der verschiedenen Cyanogattungen und Stämme (die Taxonomie ist hier auch ein einziges Wirrwarr mit häufigen Revisionen), wobei bei weitem nicht alle im Aquarium vorkommen, zum anderen aber auch an deren extremen Anpassungsmöglichkeiten. Schließlich gehören diese Bakterien zu den wichtigsten Urformen der Evolution, die sich an nahezu sämtlich denkbare Lebensräume erfolgreich anpassen konnten.
Insgesamt kann man es auf den gemeinsamen Nenner bringen, dass eine derartige Massenvermehrung auf eine Störung im mikrobiologischen Gleichgewicht zurückzuführen ist, wobei nicht nur das System Aquarium betroffen sein kann. Auch in der Natur gibt es regelmäßig derartige Erscheinungen. Leider ist aber der Mikrokosmos viel zu komplex, als dass wir alle Zusammenhänge erfassen können. Daher müssen wir, wie es hier z.B. auch schon von Hans-Werner Balling formuliert wurde, akzeptieren, dass bisher niemand die einzelnen Ursachen richtig weiß!
Leider hilft dies in der Praxis auch nicht unbedingt weiter, aber man kann mit Ruhe und systematischem Vorgehen nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" das Problem durchaus in den Griff bekommen. Schließlich hat es die überwiegende Zahl der Aquarianer noch immer irgendwann geschafft. Nur weshalb, können die meisten nur vermuten.
Zunächst macht es aber immer Sinn, sein Becken in eine möglichst stabile Lage mit den allgemein bekannten möglichst optimalen Wasserwerten zu bringen. Alle Zugaben oder Veränderungen sollte man für sich dokumentieren, denn die positiven wie negativen Wirkungen treten meist erst mit großem Zeitverzug auf. Bei einer Cyanoinvasion sollte man also genau wissen, was man in der Vergangenheit gemacht oder verändert hat.
Hier liegt dann schon der erste Ansatz für Korrekturen.
Völlig falsch ist der dann häufig zu beobachtende Aktionismus, insbesondere die Zugabe von irgendwelchen "Wundermitteln". Meist lassen sich die Cyanos, wenn dies auch mühsam und langwieriger sein kann, mit mechanischen Maßnahmen wie Abpinseln oder Absaugen im Griff behalten. Beim Absaugen sollte man das Wasser über Filterwatte leiten und wieder verwenden, denn ein zusätzlicher Wasserwechsel kann auch kontraproduktiv sein. Sinnvoll ist es zunächst, die bisher üblichen Intervalle beizubehalten. Meist verschwinden dann die Cyanos früher oder später wieder von ganz allein.
Erst wenn dies nicht weiterhilft, macht es Sinn nacheinander, immer mit zeitlichem Abstand von mindestens zwei Wochen, die verschiedenen Tipps auszuprobieren, die zu diesem Thema schon geschrieben wurden. An erster Stelle würde ich hier die Zugabe von Konkurrenzbakterien, egal ob aus einem der handelsüblichen Produkte oder einem "altmodischen" Erdaufguss, sehen. So verrückt es klingt, auch kleine Gaben von ein paar ccm Abwasser haben schon große Erfolge gebracht (ob durch Zuführung von Konkurrenten oder Fressfeinden wie z.B. Bakteriophagen bleibt dabei offen). Die Zugabe von Kohlenstoff (siehe Traubenzuckerdiskussion) dürfte eventuelle Erfolge eher durch ein verstärktes Wachstum von Konkurrenzbakterien bewirken, anstatt der Annahme, dass den Cyanos durch andere Bakterien die Nahrung entzogen wird. Scheinbar geht es bei diesen Konkurrenzen mehr um "besetzte Plätze".
Hierfür spricht auch der Umstand, dass in - vor allem mit Korallen - vollbesetzten Becken weit weniger Cyanoplagen auftreten, wogegen kahle Freiflächen gern besiedelt werden. Dies sieht man dann auch oft in den von mir angeführten "leeren" Glasbehältern bei manchen Händlern.
Weitere Möglichkeiten sind dann Änderungen im Bereich der Strömung, Abschäumung, Nitrat-oder Phosphatwerte (sowohl Reduzierung als auch Erhöhung!), Wechsel der Salzmischungen usw.. Keine allzu großen Einflüsse auf das Wachstumsverhalten scheint das Licht zu haben, allenfalls erst dann, wenn es so reduziert wird, dass auch die übrigen Beckeninsassen geschädigt werden. Uralte Röhren auszutauschen, kann man aber trotzdem in Betracht ziehen.
Der pH-Wert hat wohl erst in sehr hohen Bereichen, also außerhalb des in Aquarien üblichen, ein wachstumsfördernde Wirkung, Ca, Mg, Alkalinität und Salinität scheinen keine Einflussgröße zu sein.
In diesem Sinn viel Geduld und hoffentlich bald Erolg.
Gruß
Bernd