Den Enthusiasmus in Ehren, aber bei dem fehlenden Wissen, was passieren soll und wie es bestehende Probleme einzuordnen sind, wirst Du das Becken auf diese Weise mit hoher Sicherheit gegen die Wand fahren. Es ist, als ob Du erst mal losfährst mit dem Auto und dann überlegst, wie das mit dem Abbiegen funktioniert und das Anhalten wäre auch nicht schlecht, wenn das klappt.
Es gibt mehrere Kreisläufe, die miteinander interagieren und voneinander abhängen. Dies alles ausenander zu dividieren erfordert Wissen und Wassertests, um den Zustand des Beckens einzuordnen.
Ganz grundlegend ist die Salinität. Du hast Osmosewasser (optimalerweise mit einer Harzsäule, die auch Rest von der Osmose noch herausholt) und gutes Meersalz, um Wasser mit 35 Promille Salinität zu erzeugen. Dies misst Du mit einer guten Spindel (unter Berücksichtigung der Temperatur), elektronisch (unter Berücksichtigung der Temperatur) z.B. Hanna 98319 oder notfalls mit Refraktormeter (auch Schätzeisen genannt). Temperatur sollte immer gut beobachtet werden. Wenn das Wasser verdunstet muss es regelmäßig nachgefüllt werden mit Osmosewasser. Sinnvollerweise hast Du dafür eine Nachfüllanlage, denn sonst ändert sich die Salinität recht schnell. Normaltemperatur sollte etwa 24-26°C sein.
Dann hast Du das Puffersystem aus Karbonaten und Kohlensäure. Du misst die Alkalinität, die normal zwischen 6,5 und 8 liegen sollte und den pH-Wert, der bei 8-8,3 liegen sollte. Biologische Aktivität verbraucht Alkalinität, sowohl Korallen aber auch Bakterien, Algen und Schwämme. Viele Korallen und Bakterien betreiben Fotosynthese und verbrauchen dabei Kohlendioxid. Während der Lichtphase steigt deshalb der pH-Wert, bis er abends den Höchststand erreicht. Nach Ende der Beleuchtung findet keine Fotosynthese mehr statt und da auch die Tiere im Aquarium atmen reichert sich wieder Kohlendioxid an, der pH-Wert sinkt, bis morgens die Beleuchtung wieder eingeschaltet wird.
Der Abschäumer übernimmt die Rolle des Windes und hat die Hauptlast des Gasaustausches mit der Raumluft, um Sauerstoff ins Wasser zu bringen. Wenn jetzt im Herbst wenig gelüftet wird und alles vor dem Fernseher hockt und dort über die schönen Frauen hechelt reichert sich die Luft im Zimmer mit Kohlendioxid an und der Abschäumer bringt nicht nur Sauerstoff ins Becken, sondern auch reichlich Kohlendioxid. So findet die Versauerung der Meere nicht nur im Ozean, sondern auch in Deinem Aquarium statt. Der pH-Wert ist ein Maß wie sauer das Wasser ist. Wenn er unter 8 fällt ist das ein Problem für alle Kalk bildenden Organismen wie Korallen, aber auch andere Tiere leiden darunter. So viel kannst Du gar nicht lüften, um die Luft im guten Zustand zu halten, viele setzen deshalb inzwischen Atemkalk vor die Luftansaugung des Abschäumers, dort wird das Kohlendioxid gebunden, bevor es im Abschäumer mit dem Wasser vermischt wird.
Für die Kalkbildung besonders der Korallen wird neben den Karbonaten auch noch Calcium gebraucht, zusätzlich einige Spurenelemente. Das Versorgungssystem hat die Aufgabe, diese Stoffe, die verbraucht werden, dem Becken wieder zuzuführen. Es gibt verschiedene Systeme, je nach Anbieter und was für Tiere gepflegt werden sollen. Meist wird dies über Dosierpumpen aus passenden Dosierbehältern regelmäßig ins Becken gegeben. Wenn das Becken zum größten Teil mit Steinkorallen besetzt ist brauchst Du ungefähr gleiche Teile von Karbonaten und Calcium. Du misst deshalb die Alkalinität und Calcium.
Für Wachstum werden auch noch Nährstoffe benötigt, also Stickstoff und Phosphor. Stickstoff liegt je nach Oxidationsstuffe als Ammonium, Nitrit oder Nitrat vor. Das für die Korallen am besten geeignete Ammonium wandelt sich aber abhängig vom pH-Wert zu einem bestimmten Teil in das sehr giftige Ammoniak um. Wenn Du also einen guten Schuß Ammoniumchlorid ins Becken gibst um das Becken kräftig anzukurbeln, damit es endlich zur Sache geht wärst Du nicht er Erste, der sich das Becken durch die Teilumwandlung nach Ammoniak komplett umnietet. Vor dem ersten Besatz mit Korallen oder niederen Tieren (Schnecken, Krebse, Garnelen, Seesterne, Seeigel) oder gar Fische ist ein Ammoniumtest dringend angeraten, gerade, wenn Du da fröhlich Ammoniumchlorid dosierst. Wenige Tausendsel Gramm Ammoniak reichen aus, alles zu töten.
Der Stickstoffkreislauf und die Vermehrung der dafür nötigen Bakterien sind der Kern der normalerweise mit "Einfahrphase" bezeichneten Spanne, wo die Wasserwerte nicht stabil sind und alles im Umbruch ist. Die Amerikaner sind gerne etwas handfest und werfen dafür etwas Totes ins Becken, dessen Verwesung dann für genügend Nährstoffe und die Vermehrung der Bakterien sorgt. Mit dem Lebendgestein kommen die notwendigen Bakterien in das Becken, müssen sich aber erst mal durch das ganze Becken und die viele tote Deko arbeiten. Wenn in einem 1000l Becken ein Brocken von einem Kilo LS eingebracht wird dauert das natürlich ziemlich lange. Früher war die Regel 10 Prozent vom Wasservolumen als Lebendgestein einzubringen. bei einem 1000l Becken also 100kg LS. Es gibt inzwischen immer weniger LS und es ist immer teurer. Lebende Steine bringen bereits eine Bakterienkultur mit sich, der Kampf um den Siedlungsraum (alle Oberflächen) ist bei LS deshalb etwas milder und deutlich schneller als bei toter Deko. Die Einfahrphase deshalb auch etwas stabiler als bei toter Deko. Licht wirkt als Motor, da viele Bakterien und Algen Fotosynthese betreiben. Wenn im Becken keine Korallen sind wirst Du mit diesem Motor nur unerwünschte Beläge befeuern. Deshalb ist am Anfang der Balance-Akt, viele teure Korallen einzusetzen, die Wasserwerte alle gleichzeitig etwas im Auge zu behalten und die schnell wachsenden Bakterien und Algen daran zu hindern, die Korallen zu überwuchern und den Korallen günstige Wachstumsbedingungen zu bieten, damit diese das Wassermilieu für sich einstellen können. Korallen müssen ständig wachsem, damit das Becken stabil läuft.
Das als Deko benutzte Kalkgestein und der Kalksand (Aragonitsand) wirkt als eine Art Phosphatadsorber, deshalb ist in der Anfangsphase des Beckens oft eine Phosphatlimitierung, und man quält sich mit Phosphatdosierungen rum und wirft Futter ohne Ende ins Becken, ohne Phosphat nachweisen zu können, bis dann die Deko gesättigt ist und plötzlich viel zu viel Phosphat angezeigt wird. Zusätzlich sollte auch das Gleichgewicht zwischen Nitrat und Phosphat gehalten werden von etwa 100:1.
Phosphatwerte von 0,05-0,15 mg/l sind in Ordnung, sie sollten nicht so wild hin und herschwanken, das mögen Korallen nicht. Du misst Phosphat und Nitrat. Nitrit hat keine Bedeutung im Meerwasser, wegen des hohen Salzgehalts (Chlorid) ist es im Meerwasser auch nicht giftig, diese Rolle hat wie oben erwähnt Ammoniak. Die Nährstoffwerte sind um ein Vielfaches niedriger als im Süßwasseraquarium, daher ist auch deutlich weniger an Fischen möglich, sonst gehen die Korallen ein.
Die Fische haben die Rolle der Nährstoffproduzenten, sie geben Ammonium ab und Über ihre Ausscheidungen auch Phosphat und letztendlich auch Nitrat.
Deine Stellschrauben sind also Salinität, Temperatur, Licht, Strömung, pH-Wert, Alkalinität, Calcium, Nitrat, Phosphat.
Technische Hilfsmittel sind Abschäumer, UVC-Klärer (gegen Schmieralgen), Heizstab/Lüfter, Vliesfilter/Sockenfilter/Filterwatte/Vliesfilter, Medienfilter wie Aktivkohle und Phosphatadsorber.
Deine Messinstrumente die Messung dieser Werte und auch ICP-Analysen, die noch viele andere Spurenelemente messen.
Der eigentliche Beckenstart erfolgt mit dem Einsetzen von Leben, in Deinem Fall Live-Sand und lebende Steine. Ist also schon geschehen! Der Gang ist bereits eingelegt und die Kiste rollt! Was ist jetzt zu tun? Schauen, dass die oben genannte Technik richtig funktioniert und stabil läuft. Ohne Korallen kann die Lampe ausbleiben.
Messe jetzt erst mal die notwendigen Werte und mache Dich damit vertraut. Funktioniert die Strömung, der Abschäumer und die Nachfüllung und die Dosierung?
Und suche Dir ganz dringend jemanden, der deutlich mehr Ahnung hat, der Dir hilft und beratend zur Seite steht. Überlege Dir auch, was Du eigentlich pflegen willst und ob Du alles notwendige hast.