Lieber Wolfgang,
ich erkenne Deine Intentionen und Dein Herzblut bei der Sache. Es wäre auch schön, wenn man im Leben immer alle Ideale realisieren könnte. Aber was willst Du oder auch andere Idealisten hier erreichen? Sicher doch eine Verbesserung der Haltungsbedingungen der Fische und eine Aufklärung der Aquarianer. Ich weiß nicht, wieviele Meeresaquarianer es gibt. Ich weiß auch nicht wieviele Foren existieren und wieviele Leute, die hier reinschauen, Deine/Eure Ansichten vollinhaltlich teilen. Ich selbst gehöre zu den Spätzündern der Computernutzer und bin nur durch Zufall durch eine Bestellung bei Mrutzek auf das Forum gestoßen. In meinem Umfeld an Aquarianern, und nicht nur Oldis wie ich, gibt es einige "Seewasserprofis", aber keiner von ihnen hat sich je für dieses Forum interessiert. Sie beziehen ihre Auffassungen aus Literatur, fachlichem Austausch, heute auch aus dem Internet allgemein und vor allem aus der Summe der Erfahrungen. Diese bewegen sich auf einer ganz anderen Ebene ihrer Vorstellung von einer richtigen Tierhaltung. Wenn diese Leute nun auf Eure maximalen Vorstellungen stoßen, egal unter welchen Umständen, werden sie diese größtenteils sofort ablehnen, da sie völlig diametral zu ihren bisherigen Erfahrungen und ihren realen Gegebenheiten stehen, d.h., sie werden alles schnell als überzogene Spinnerei irgendwelche Ökofundis abtun. Neulinge der jüngeren Generation, die eher ihr Wissen anhand von Foreninhalten aufbauen wollen, sind vielleicht in Teilen erreichbar, haben aber meist auch schon andere Vorstellungen und Wünsche und erkennen,dass Eure Bemessungen hier auch nicht unumstritten sind. Die Gefahr für Euch besteht also darin, dass man schnell in einer Ecke landet und nicht ernst genommen wird. Und bei all meiner Sympathie für das Forum - sonst würde ich hier keine Romane schreiben - der Nabel der internationalen Aquarianerwelt sind wir sicher noch nicht.
Wenn man aber mit einer vorsichtigen Argumentation in Richtung seiner Ziele arbeitet ohne Abzuschrecken und auch anderen einen Raum zur Identifikation bietet, kann man sehr wohl etwas in Bewegung bringen und eine vielleicht sogar tatsächlich erfolgreiche Entwicklung bewirken. Man kann sich dann den Ruf einer besonderen Kompetenz erwerben, auf sich aufmerksam machen und ein klein wenig die Zukunft mit gestalten.
Michael, natürlich haben wir andere Vorstellungen, was man als Lebensraum bieten sollte. Ich gehöre zu denen, die vor vielen Jahren - zunächst recht erfolglos - versucht haben, damals sehr teure und wertvolle Meeresfische zu halten. Wir waren sehr, sehr sorgsam, denn schon allein die finanziellen Herausforderungen waren ganz anders als heute. Jedes Pünktchen wurde sofort mit teuren Mitteln behandelt, was unsere Lieblinge schnellstens in den Fischhimmel befördert hat. Dann haben wir gelernt, dass wir die Umwelt unserer Fische verändern müssen und so traten langsame Erfolge ein. Diese wurden von echten Pionieren der Aquaristik publiziert und anhand deren Erfahrungswerte die Becken ausgerichtet. Seit Beginn der 80er Jahre habe ich nun sehr erfolgreich z.B Palettendoktorfische gehalten. Einen davon habe ich totkrank vom Händler geschenkt bekommen, weil er mein großes Algenbecken kannte. Er hat dann zig Jahre gelebt. Nach und nach kamen dann die Korallen hinzu bis zu den heutigen SPS. Und auf diese erfolgreiche Entwicklung, auf die auch Ihr aufbaut, waren und sind wir stolz. Glaubst Du nun im Ernst, dass jemand vor diesem Hintergrund wirklich von völlig diametralenMaximalvorstellungen irgend welcher Leute eingenommen werden kann, die ihm klar machen wollen,dass alle seine Erfahrungen falsch seien (egal wer nun richtig oder falsch liegt)und dass er seine jahrelang gepflegten Tiere, deren erfolgreiche Haltung er erst mit möglich gemacht hat, plötzlich rauswirft? Man kann entweder eine langsame Weiterentwicklung bewirken oder abstoßen. Da "Typen" wie ich wohl noch deutlich in unserem Hobby vertreten sind, muss man diese einnehmen oder man wird zum einsamen Rufer im Wald.
Viele Grüße
Bernd