Plädoyer für die Neugier an Lippfischen oder Gedanken über ihre Vergesellschaftung
Hallo zusammen,
Pauschalieren und einmal Gehörtes wiederkäuen sollte für uns alle nicht zur Gewohnheit werden, und gleichermaßen festgetackerte Behauptungen sollten deswegen als schlechtes Beispiel auch nicht unkommentiert bleiben. Gegen diese simplen Pauschalierungen und Wiederholungen "althergebrachter Erkenntnisse", die so alt sind, dass sie Bärte tragen und obendrein Patina ansetzen, habe ich etwas. Es gibt gewiss unumstößliche Regeln auf dem Gebiet der Reproduktion der Arten, sowie es aber auch facettenreiche Ausnahmen von diesen gibt. Um den Blick auf diese Ausnahmen geht es mir. Es sind gar nicht einmal so wenige......
Auch darf ruhig einmal über den Tellerrand hinweg geschaut werden, um seinen Gedanken zum Thema "Vergesellschaftung und Fortpflanzung" dieser interessanten Fischgruppe freien Lauf zu lassen, auch um damit den eigenen Horizont zu erweitern und um das Verhalten dieser interessanten Tiere besser zu verstehen. Das gelingt aber nur, wenn man sich intensiv mit ihnen befasst und nicht gleich jedes Klischee bedient. Allenfalls auch auf die Gefahr hin, daß man vielleicht hinterher gedanklich in einer Sackgasse endet, oder wie man so schön sagt, sich "auf dem Holzweg" befindet. Das wäre zwar eine eigene negative Erfahrung, aber zugleich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur besseren Erkenntnis. Vielleicht konnten einige Mitleser bereits bemerken, daß ich, im Gegensatz zu anderen Meerwasserbegeisterten, stets die Fische vorn anstelle und nicht die Korallen. Korallen sind bei mir das "schmückende Beiwerk". Letztendlich soll aber jeder selber entscheiden, ob sich aus den nachfolgenden Zeilen ein Für oder Wider für die Pflege von Lippfischen im Aquarium ergibt.
Ich möchte mich hiermit ein wenig von den einseitigen Kommentaren entfernen und den Blick auf einen bestimmten Mechanismus der Evolution lenken. Das Ergebnis ist keine Laune der Natur, sondern entspringt einer puren Notwendigkeit in der fischeigenen Reproduktion. Das klingt jetzt etwas hochgestochen, erklärt aber im folgenden, was gemeint ist.
Im Leben dieser Fische dient alles dem Fressen und der eigenen Arterhaltung. Wenn der letzte Punkt aber zur Überlebensfrage wird, sind Abweichungen zu beobachten. So hat es die Natur mancherorts eingerichtet.
Das System der Lippfische ist vielschichtig. Protogyner Hermaphrodismus ist weit verbreitet, aber nicht unbedingt zwingend bei bestimmten Arten. Ähnlich verhält es sich mit der Haremsstruktur. Die einen pflegen sie, die anderen nicht. Es ist dann auch nicht verwunderlich, wenn manche Beobachtung anders verläuft, als man erwartet. Die Eiablage und Befruchtung geschieht im freien Wasser, unabhängig ob die Art paarweise oder im Harem unterwegs ist. Doch es gibt sogar Nestbauer unter ihnen! Lippfische sind (fast) alle Hermaphroditen, also Zwitter. Die Frage ist nur, wie gehen sie damit um? Als Antwort hört man immer: " Protogyne Hermaphroditen. Als Weibchen geboren und geendet als männliches Tier". Ist das aber immer so einfach zu sehen? Kann man diesen scheinbar unaufhaltsamen Weg für alle Hermaphroditen und besonders für alle Situationen über einen Kamm scheren? Einfache Antworten darauf sind mir zu simpel.
Viele glauben, überwiegend vertrauend auf diversen Beschreibungen oder alten Überlieferungen oder vereinzelt gemachten ungenauen Beobachtungen, daß alle Lippfischarten durch die Bank weg stereotyp den protogynen Geschlechtswechsel durchlaufen, also sogenannte "strenge protogyne Hermaphroditen" sind. Bestimmt als weibliches Tier geboren, mit dem Schicksal auf ihrer Lebensstrecke stets als Männchen enden zu müssen. Dieser Einbahnstraßenrhetorik darf man ruhig einmal stellenweise zart widersprechen. Es mag ja für viele Lippfischleben gelten. Für einige Mitglieder dieser Fischfamilie verläuft diese Prognose aber sicherlich nicht ganz so deutlich voraussehbar, denn so direkt linear verläuft dieser Weg nicht immer im Leben dieser Tiere. Die Philosophie des Weges "of no return" hat einen Knacks bekommen.
Bestimmte Arten können sich entweder sofort als weibliches Tier oder unmittelbar als verkapptes Männchen (primary male) entwickeln. Beide zeigen identische Merkmale im Aussehen, sind also nicht voneinander zu unterscheiden. Ausgewachsene Weibchen wechseln nur das Geschlecht, wenn sie die Möglichkeit haben, das Territorium eines großen Männchens zu übernehmen. Hierbei wechseln sie das Geschlecht und ihre Färbung. Verkappte Männchen (primary males) sind ebenfalls in der Lage sich farblich zu ändern, wenn sie groß genug sind, um ebenfalls einen Harem zu übernehmen, obwohl sie ihr Geschlecht vorher nicht gewechselt haben, ja zwangsläufig nicht konnten. Sie wechseln nur die Farbe, sind aber immer Männchen geblieben!
Der Lippfisch Pseudolabrus sieboldi und andere schlagen ebenfalls aus der Art und passen nicht in ein herkömmliches Raster.
Eine Studie sagt uns, daß zu Versuchszwecken in einem 1000l Aquarium 6 Weibchen gehalten wurden, wobei der größte Fisch in das männliche Geschlecht wechselte. Bis hier kommt uns das bekannt vor. Wenn aber umgekehrt sieben Männchen das Becken teilen mussten, wechselte das kleinste Männchen in das weibliche Geschlecht! Das zeigt uns, daß P. sieboldi die Fähigkeit hat, unter gewissen sozialen Zwängen das Geschlecht bidirektional zu wechseln. Diese Erkenntnis gilt immer mehr auch für einige andere Arten.
Die Blaukopf-Junker, Thalassoma bifasciatum, (Turner 1990) haben zu Beginn ihres Daseins kein Geschlecht (geschlechtsoffen) ; erst im Laufe ihrer Entwicklung werden sie zu Männchen oder Weibchen. Allerdings könnten sie als Erwachsene ihr Geschlecht noch einmal wechseln, schreiben die Forscher. Generell hänge dann das Geschlecht davon ab, wie viele andere Tiere dieser Art im selben Gebiet leben. Bei einer geringen Zahl ist die Wahrscheinlichkeit, dass Männchen zu Weibchen werden, deutlich höher. Gibt es viele Fische, werden dagegen aus Weibchen Männchen. Das scheint eine zentrale Aussage, nicht nur im Leben dieser großen Tierfamilie, im Riff zu sein!
Ein anderes Beispiel betrifft den Putzer-Lippfisch Labroides dimidiatus. Die Männchen dieser Art sind in gewissen Situationen in der Lage, sich mangels weiblichem Gegenpart mit anderen männlichen Tieren zu versuchen, bis sich tatsächlich aus einigen kleineren Exemplaren funktionstüchtige Weibchen entwickeln (Kuwamura 2014).
Wo bleibt also bei den oben geschilderten Vorgängen die eingangs erwähnte unumkehrbare lieare Kontinuität? Sie ist nicht mehr vorhanden! Nach diesen Tatsachen fällt es schwer, die These der Unumkehrbarkeit als einzige Möglichkeit aufrecht zu erhalten. Bei manchen Grundelarten wird es noch interessanter. Sie können mehrfach das Geschlecht wechseln. Ich vermute einmal, daß wir das Thema des individuellen Geschlechtswechsels noch nicht gänzlich aufgebröselt haben. Im Fall der Familie der Lippfische könnte es sein, daß die Erkenntnisse über einige Arten nicht nur protogyne Hermaphroditen hervorbringen, sondern ebenso einige simultane Geschlechtswechsler, bei denen wir früher nur den strengen protogynen Geschlechtswechsel angenommen haben. Einige Cirrhilabrus-Arten (Männchen) scheinen unter bestimmten Bedingungen ebenfalls in der Lage zu sein, das Geschlecht rückwärts zu wechseln. Gleichermaßen beobachtet an Apolemichthys trimaculatus und einigen Centropyge-Arten (erst Männchen, dann Weibchen). Der Vorteil ist klar. Es wäre im Sinne der Arterhaltung von zentraler Bedeutung, sicherlich auch geschuldet der Größe ihrer Population und ihres Revieres.
Was dieses Verhalten eventuell für gewinnbringende Vorteile für die Aquarienpflege bedeuten kann, wäre eine interessante Aufgabe herauszufinden!!
Fortsetzung --->