Dazu muß man sich vergegenwärtigen, wie diese drei oder vier Hauptnährstoffe im Nahrungskreislauf wirken und wie sie dort hinein- und auch wieder hinaus gelangen.
PHOSPHOR - in diesem Fall als Phosphat
wird nur in ganz geringen Mengen benötigt, ist aber in jeder lebenden Zelle vorhanden und lebensnotwendig. Es ist in Spuren in allen natürlichen Dekorationsmaterialien vorhanden und wird bei der Fütterung zugegeben.
Problematisch kann zum Teil Korallensand werden, es gibt Chargen, die unheimlich viel Phosphat enthalten können. Das kann man vorher messen.
Der anzustrebende Messwert für ein Korallenriffaquarium sollte bei 0,01mg/Liter liegen, gute Tests lösen etwa nochmal die Hälfte davon halbwegs ablesbar auf. Bei Werten über 0,1mg - also dem ZEHNFACHEN - sollten langsam Gegenmaßnahmen ergriffen werden, bei Werten über 1mg, also schon dem HUNDERTFACHEN, ist eher ein Ausräumen des Beckens mit anschließendem Neustart zu empfehlen.
Leider findet man die Phosphate, welche zum Beispiel als Calciumphosphat ausfällen können, dann nämlich in großen Mengen im Bodengrund und in der porösen Dekoration. Das hat schon so mancher erlebt, wenn man bei einem extrem mit Phosphat belasteten Becken 90% Wasserwechsel macht und nach einer Woche schon wieder die selben Werte mißt. Da man nicht einschätzen kann, wieviel wirklich wirklich im System ist, wäre eine solch drastische Maßnahme der vielleicht weniger schmerzhafte, auf jeden Fall aber kürzere Weg zum Erfolg.
Normalerweise bewegt sich der Phosphatgehalt in halbwegs vernünftig gepflegten Aquarien aber zwischen 0,01 und 0,1mg/L. Es ist nicht das Schlechteste, immer etwas Phosphatadsorber im Wasserkreislauf zu haben und somit den Wert an der unteren Grenze zu halten.
Eine weitere Methode, Phosphat aus dem Becken zu bekommen, ist eine gute Abschäumung. Dazu später mehr.
Einen Phosphatmangel halte ich eher für ein Märchen, auch, wenn man mit einem Test an der Nachweisgrenze liegt, ist immer noch genügend Phosphor für notwendige Lebensprozesse vorhanden, jedenfalls, wenn man seine Tiere füttert. Ich würde einem vermeintlichen Mangel - unbedingt mit VERSCHIEDENEN guten Tests messen(!) - immer durch höhere Futtermengen begegnen. Eine einseitige Phosphaterhöhung, ohne gleichzeitig Nitrat anzuheben, wie von manchen geschäftstüchtigen Zeitgenossen empfohlen, halte ich für außerordentlich gefährlich!!! Alle eigenen Tests, die ich selbst und mit Kollegen durchgeführt habe, gingen IMMER nach hinten los!
STICKSTOFF - hier nur als Nitrat betrachtet
ist ein ebenso lebenswichtiger Baustein für die Eiweißsynthese und wird mit dem Futter zugegeben. Der Nitratgehalt des Aquarienwassers ist nicht von so großer Bedeutung, wie oft behauptet wird, 2mg pro Liter sind genauso akzeptabel, wie 50mg oder gar mehr. Die meisten Tiere tolerieren solche Unterschiede klaglos.
Natürlich ist eine hoher Nitratgehalt in Verbindung mit einem hohen Phosphatgehalt eine gute Voraussetzung, um Algen ordentlich wuchern zu lassen.
Insbesondere dann, wenn man Trockenfutter verabreicht, welches im Verhältnis zu natürlichem Frostfutter ein viel höheres Phosphat/Nitrat Verhältnis aufweist. Hier ist also immer Vorsicht geboten und man sollte anfangs besser gar kein Trockenfutter verwenden.
Es gibt allerdings ein Phänomen, welches in der Natur eine große Rolle spielt, im Aquarium auch erwünscht ist und größtenteils bestens funktioniert: die Nitratreduktion. Dabei wird Nitrat auf biologischem Weg abgebaut und scheidet als gasförmiger Stickstoff aus dem System aus.
Und genau hier kann es zu folgendem Problem kommen: Selbst in einem "sauberen" Becken mit guten Wasserwerten und sparsamer Fütterung, sinkt der Nitratgehalt immer weiter ab, bis er bei Werten von 1mg und darunter landet.
Dann kann es zu einem tatsächlichen Mangel kommen, da der Nitratabbau immer weiter verläuft. Riesenmuscheln beispielsweise reagieren sehr empfindlich auf diese Art Unterernährung. Das ist jedoch das kleinste Problem: Viel schlimmer ist, daß es eine Organismengruppe gibt, die nicht auf Stickstoff (= Nitrat) zufuhr durch Futter von außen angewiesen ist: Cyanobakterien.
Diese sind in der Lage, den im Wasser gelösten atmosphärischen Stickstoff (N2) aufzuspalten und in organische Verbindungen einzubauen.
Dieser für das Leben auf unserem Planeten elementare Prozeß kann die Geduld eines Aquarianers auf eine wirklich harte Probe stellen. Wenngleich überall im Meer, besonders in Flachwasserbereichen, vorhanden, stellen sie in der Natur kein großes Problem dar, können aber durch ihre explosionsartige Massenvermehrung (Es handelt sich um einfachste Organismen!) ein Aquarium in kürzester Zeit in den (Würge-)griff bekommen. Da sie Photosynthese betreiben, muß es nur hell genug sein. Wie jede andere festsitzende Alge, beeinflussen auch Cyanobaktieren, auch sehr treffend als Schmieralgen (Obwohl keine Algen im eigentlichen Sinn!) bezeichnet, ihr nahes Umfeld dahingehend, daß sie sich die für sie optimalen Lebensbedingungen selbst schaffen und alle Oberflächen, auch lebende Korallen einfach überwachsen.
Der geplagte Aquarianer freut sich morgens über ein "sauberes" Becken und wenn er abends nach hause kommt, ist es komplett mit roten Schmieralgenteppichen überzogen. Es gibt kaum Organismen, die so rasend schnell ein ganzes Ökosystem beherrschen können.
Machen wir uns also klar: Cyanobakterien benötigen nur drei Dinge: Licht, Phosphat und Kohlenstoff!
(Da seit Jahrzehnten die immer wieder die unglaublichsten "Bekämpfungsversuche" veröffentlicht werden, appelliere ich an dieser Stelle lieber an den Verstand der Mitlesenden: Die beste und einfachste Methode sie loszuwerden, ist der Entzug von Phosphat, bei gleichzeitiger Lichtreduktion - dazu ebenfalls später mehr!)
Damit sind wir beim
KOHLENSTOFF - dem wichtigsten Baustein organischer Verbindungen - also der lebenden Zelle.
Der größte Teil des Kohlenstoffs wird von Pflanzen, im Meer also von einzelligen Algen, aus dem gelösten Kohlendioxid in organische Nährstoffe umgewandelt. Darüber braucht man sich als Aquarianer eigentlich keine großen Gedanken zu machen, in einem guten Becken geht das alles ganz von allein.
Hat man aber zu hohe Phosphat- und Nitratwerte, liegt in der Regel eine Limitierung des Kohlenstoffs vor. Diesem kann man durch Zugabe von Alkohol begegnen (siehe Ethanolmethode). Manche Becken erfahren auch eine ständige Kohlenstoffzugabe in Form von Essig. Das nennt sich dann geheimnisvoll Zeolithmethode und natürlich steht nicht Essig auf den schönen bunten Flaschen drauf! Es ist aber ein Hauptbestandteil des Wirkprinzips, denn auf diese Weise hält man die Konzentration der Nährstoffe im Aquarium gering und fördert das Wachstum planktischer Algen und Bakterien, die einfach mit Hilfe des Abschäumers aus dem System wieder ausgetragen werden.
Das besonders Positive daran ist, daß die Elemente Phosphor, Stickstoff und zum Teil Kohlenstoff in genau dem selben Verhältnis aus dem System ausgetragen werden, wie sie in Form von Frostfutter hinein gelangen. Auch hier erkennt man nochmals gut die Gefahr einer hohen Trockenfutterzugabe.
Wer bis hierher aufmerksam mitgelesen hat, erkennt, daß es keineswegs Hexerei ist, das Nährstoffsystem seines Aquariums zu überblicken und in seinem Sinn zu beeinflussen. Eigentlich alles ganz einfach:
Man sorgt dafür, daß immer genug Kohlenstoff und Stickstoff (Nitrat) vorhanden ist und minimiert das Phosphat. Das geht durch regelmäßige Fütterung mit hochwertigem Frostfutter, etwas Phosphatadsorber und einen guten Abschäumer.
Da wir uns aber eigentlich die Einfahrphase eines Beckens näher ansehen wollen, ist noch ein Element wichtig:
Das SILIZIUM in Form von Silikat.
Es findet sich ebenfalls in allen natürlichen Dekorationsmaterialen, die wir im Meeresaquarium verwenden und besonders in künstlichen Keramiken. Hier ist das Silikat die Trägersubstanz, die quasi alles zusammenhält. Werden also Tone, Steingutmassen oder zementartige Materialien verwendet, bilden sogenmannte Alumosilikate das Grundgerüst. Dieses wird durch Wasserhärtung oder einen Brennvorgang gebildet.
Egal, was man noch alles beimischt, die Hauptelemente bilden Silizium und Aluminium. Bei hochwertiger Riffkeramik ist das Verhältnis deutlich zum Silizium verschoben, da ein hoher Alumiumgehalt problematisch werden kann.
Dieses Grundgerüst ist zwar nicht chemisch nicht identisch mit dem Calciumcarbonat des natürlichen Riffgesteins, welches Korallen bilden, hat, bei richtiger Verarbeitung, aber räumlich ähnliche Strukturen.
Es gibt aber in der Natur Organismen, die genau solch ein Silikatgerüst bilden und das sind die Kieselalgen.
Sie sind im Meer der Beginn der Nahrungskette, denn sie kommen im Meer in so großen Mengen vor, daß alle anderen Meerestiere auf auf die durch sie mit Hilfe von Licht und den Elementen Stickstoff, Phosphor und Kohlenstoff erzeugten Verbindungen angewiesen sind. (Natürlich stark vereinfacht!)
Das versetzt uns Aquarianer in die glückliche Lage, bei guter Abschäumung einen Großteil der Nährstoffe über planktische Kieselalgen einfach wieder auszutragen (siehe Kohlenstoff), birgt aber die Gefahr, daß bei zuviel vorhandenem Silikat, die Kieselalgen sich so massenhaft vermehren, daß sie unser kleines System Minimeer so im Griff haben, daß andere Organismen es schwer haben, Fuß zu fassen.
Schließlich wollen wir uns keine Kieselalgen im Aquarium anschauen.
Wer mal an ein gutes Mikroskop gelassen wird, sollte sich dies aber unbedingt mal gönnen, es sind wirklich zauberhafte Lebewesen!
Nun haben wir den theoretischen Teil hinter uns und können, mit diesem einfachen Grundwissen gewappnet (Wer´s nicht glaubt, das ist Schulstoff 7. Klasse - Ich war auch mal Biologielehrer!) an die Realisierung eines tollen Korallenriffaquariums gehen.
Und: Algen sind ein wichtiger Bestandteil des Systems - auch in unserem Aquarium und im Riff sowieso.
Bis hierher danke für´s Mitlesen - jetzt kommt der praktische Teil.