Hi zusammen
ich habe dem Chefredakteur der Zeitschrift "Koralle" Daniel Knop diesen und ähnliche Artikel zugesandt und um seine fundierte Meinung gebeten. Ich gebe diese hier ungekürzt mit seinem Einverständnis wieder:
"Im nördlichen Teil des Riffs erholen sich einige schnellwüchsige Acroppra-Arten und vergrößern ihre Bestände. Daraus leiten einige politischeOpportunisten ab, dass sämtliche Umweltaktivisten sich irrten und inWahrheit alles in Ordnung sei. Das ist nichts als dummes Geschwätz.
Dass sich nach dem Schädigen des gesamten Korallenbestands mit extrem großem Artenreichtum infolge einer Wasserüberwärmung nach Rückkehr zur Normaltemperatur einige Korallen erholen, das ist schlichtweg logisch. Es sind jeweils diejenigen Arten, die am besten dazu in der Lage sind, zwischen autotropher und heterotropher Ernährung zu pendeln, und dazu gehören z. B. bestimmte Acropora- und Porites-Arten. Fällt z. B. ein Fragment einer Koralle in die Tiefe und erhält weniger Licht, können manche Korallen, die besonders gut zwischen Autotrophie (hier Ernährung durch Fotosynthese der Symbiosealgen) und Heterotrophie (hier Ernährung durch Aufnahme partikulärer Nahrung) pendeln können, den Verlust an fotosynthetisch erzeugter Nahrung durch Planktonfang kompensieren. Was sie an Licht verlieren, ersetzen sie durch Plankton. Eben diese Fähigkeit hilft ihnen auch, wenn sie die Symbiosealgen infolge der Wassererwärmung ausstoßen mussten (weil deren Fotosyntheserate durch die hohe Temperatur gesteigert wurde und in der Folge mehr toxische Sauerstoffradikale entstanden, als sie entgiften konnten). Die sich dann ergebende Hungerphase können nur jene Korallen überstehen, die dazu in der Lage sind, schnell und gründlich auf heterotrophe Ernährung umzuschalten und sich vom Plankton zu ernähren, bis sich die Wassertemperatur schließlich normalisiert hat, neue Symbiosealgen angesiedelt werden können und die fotosynthetische Energiegewinnung wieder funktioniert.
Das können manche Korallenarten besonders gut, manche überhaupt nicht, und der Rest liegt irgendwo dazwischen. Logischerweise werden diejenigen, die es gut können, am ehesten überleben und sich dann schnell vermehren, weil ihnen ja der Konkurrenzdruck der inzwischen abgestorbenen Korallen fehlt. Durch die fehlende Raumkonkurrenz dürfte das Wachstum sogar besonders schnell sein, weil ja limitierende Nachbarkorallen fehlen. Das kann man natürlich optimistisch hochrechnen und darauf hoffen, dass die Riffe irgendwann wieder eine dichte, vitale Korallendecke haben. Man könnte sogar damit argumentieren, dass die überlebenden Spezies ja eine besonders große Hitzetoleranz besitzen und dadurch das Riff bei kommenden Überwärmungsereignissen größere Überlebenschancen habe.
Diese Annahme ist jedoch naiv, denn dabei wird einiges übersehen. Einerseits setzen sich die Überwärmungsereignisse nicht nur fort, sondern die Intervalle werden kürzer und die Temperaturen höher. Das bedeutet, das Riff hat sich nur Zeit gekauft, und der Druck wird in der Zukunft stärker werden.
Andererseits geht diese Form der Riffrehabilitation durch schnellwüchsige Korallenarten, die besagtes Autotrophie/Heterotrophie-Pendeln besonders gut hinkriegen, extrem auf Kosten der Artenvielfalt. Während im gesunden Riff Korallen unterschiedlicher Arten leben, die aus unterschiedlichen Gattungen stammen, die ihrerseits unterschiedlichen Familien angehören – also nicht eng miteinander verwandt sind –, besteht dann die gesamte Korallenpopulation aus sehr wenigen Arten, von denen die meisten mehr oder weniger eng miteinander verwandt sein dürften. Das spielt parasitär lebenden Organismen enorm in die Hände. Diese Parasiten sind meist sehr stark spezialisiert, in ihrer Lebensweise und/oder Physiologie an bestimmte Korallen Gattungen angepasst, bisweilen sogar an bestimmte Arten. In einem solchermaßen artenverarmten Riff ist es zwangsläufig nur eine Frage der Zeit, bis sich der passende Parasit massiv ausbreitet und den gesamten Bestand vernichtet. (Das könnte man mit Blick auf Homo sapiens scherzhaft als „Covid-Phänomen bezeichnen.) Ein Riff ist nur dann gesund, wenn sein Korallenbestand aus einer großen Vielzahl an Arten besteht, die nicht miteinander verwandt sind, weil dann die extreme Ausbreitung spezialisierter parasitärer Organismen am Artensprung scheiterte.
Hinzu kommt noch, dass unzählige Fische und wirbellose Riffbewohner sich auf bestimmte Korallengattungen oder -arten spezialisiert haben und bei deren Aussterben in einem bestimmten Riff auch ihre Existenzgrundlage fehlt, so dass sie ebenfalls aus dem Riff verschwinden. Dies wiederum zieht das Aussterben jener Arten nach sich, deren Nahrungsgrundlage sie darstellen – eine Kaskade beginn. Es hängt eben alles mit allem zusammen."
Und:
"Aber prinzipiell muss man eben berücksichtigen, dass dieStöreinflüsse, die zu den dramatischen Riffschädigungen geführt haben, ja unverändert weiter bestehen und sogar noch zunehmen. Darum ist jederOptimismus, der durch die kurzfristige, lokale Erholung der Korallenausgelöst wird, nicht wirklich eine realistische Einschätzung derSituation. Nach der Korallenbleiche ist vor der Korallenbleiche."
Interessant, oder?