Hallo Wolfgang,
vielen Dank für Deine Frage, wobei das Thema natürlich schon etwas komplexer und damit nicht kurz und bündig zu beantworten ist. Ich hatte ja auch schon in der von Dir angesprochenen Diskussion kurz etwas dazu gesagt. Wobei es hier darum geht, dass Stickstoffdosierungen jeglicher Art im Falle einer Phosphormangelsituation kontraindiziert sind, d.h. die Phosphormangelsituation wird dadurch verschlimmert. Autotrophe Organismen orientieren sich bezüglich der Nährstoffaufnahme sehr oft an dem Nährstoff, der gut verfügbar ist. Je höher also Stickstoff dosiert wird, desto mehr wird ein solcher Organismus versuchen, diesen Stickstoff auch aufzunehmen. Dadurch wird ein bestehender Phosphormangel umso schlimmer, je höher Stickstoff dosiert wird. Und natürlich umgekehrt, wenn es an Stickstoff mangelt und mit Phosphor angereichert wird.
Gut, aber nun zu den Aminosäuren: mir geht es bei der Bereitstellung von Nährstoffen im Riffaquarium darum, dass man ein möglichst großes Spektrum an verschiedenen Nährstoffen anbietet, um eine hohe Artenvielfalt zu erzielen, und zwar in allen Organismengruppen. Aminosäuren sind kleine stickstoffhaltige organische Moleküle, die gut aufgenommen werden können, zudem Stickstoff in der physiologisch günstigen reduzierten Form enthalten, und die auch wiederum schnell in Zellstoffwechselvorgänge eingebaut werden können. Hierbei geht es aber nicht nur unbedingt - wie es oft einseitig diskutiert wird - um den Proteinstoffwechsel. Das, was man mit einer Aminosäurelösung an Stickstoff dosiert, ist verhältnismäßig gering und würde nie ausreichen, um den Proteinstoffwechsel einer Koralle zu decken.
Aminosäuren spielen für mich als kurzfristig verfügbare, "mobile" organische Kohlenstoffverbindungen im Bakterien- und Mikroorganismenhaushalt eine wichtige Rolle. Durch die Dosierung z.B. des nutri-amin basic als Teil der Grundnährstoffversorgung, kann insbesondere die Mikrobiologie gut stimuliert und v.a. langfristig in einem produktiven Zustand erhalten werden. Dazu gibt es auch folgendes Beispiel: Es gibt einige Studien an heterotrophen marine Bakterien die zeigen, dass frei im Wasser gelöste Aminosäuren von diesen Bakterien bevorzugt aufgenommen werden und dabei die Aufnahme von Ammonium repressiert, also gehemmt wird.
Das hat auch für das Aquarium einige theoretisch diskutierbare Konsequenzen.
Wenn z.B. in Zeolithbecken Ammonium durch den Zeolith abgebunden werden, oder generell der Fischbesatz verhältnismäßig gering ist, dann spielt durchaus die Dosierung von Aminosäuren eine wichtige Rolle, weil dadurch gerade die heterotrophe Bakterienbiomasse weiterhin versorgt wird. In solchen Aquarien werden kaum nitrifizierende Bakterien vorhanden sein, einfach deshalb, weil das Aquariensystem nicht genug Ammonium erzeugt. Daher auch die Notwendigkeit einer dauerhaften Dosierung von Lebendbakterienpräparaten gerade in solchen Systemen, das könnte man in diesem Rahmen sicherlich diskutieren. Nitrifizierer sind wiederum wichtige "Bausteine" der natürlichen Biofilme auf dem Substrat, d.h. sie spielen auch als Platzhalter im Rahmen einer kompetitiven Organismengemeinschaft eine wichtige Rolle und verhindern so die Ausbreitung von anderen einzelligen Organismen, z.B. Dinoflagellaten oder auch Cyanobakterien. Üblicherweise würde ein solcher Biolfilm im Falle eines Ammoniummangels stark geschwächt werden. Durch die Dosierung von Aminosäuren können aber insbesondere die heterotrophen Bakterien weiterhin mit Stickstoff und Kohlenstoff versorgt werden, so dass die Biofilme erhalten bleiben.
Der andere Fall ist aber auch ganz interessant, wenn man sich als Szenario überlegt, dass die Ammoniumkonzentration im Aquarium sehr hoch ist, z.B. weil der Fischbesatz sehr hoch ist. Durch eine Aminosäuredosierung wird auch hier erreicht, dass die nitrifizierenden Bakterien nicht übermäßig stark die Biofilme dominieren, sondern gleichzeitig auch die heterotrophen Bakterien mit einer für sie bevorzugten Stickstoffquelle versorgt und dadurch in ihrer Entwicklung gefördert werden. Dadurch bleibt eine höhere Artenvielfalt erhalten, die langfristig und nachhaltig das Aquariensystem stabilisiert. Und genau darum geht es bei der Nährstoffgrundversorgung durch die drei sango nutr-basic Produkte.
Wie gesagt, das ist alles sehr theoretisch, aber ich sehe die Aminosäuredosierung durchaus im Sinne einer Optimierung des Gesamtaquariensystem als sehr wichtig an.
Dazu kommt, wie es auf der sangokai Webseite im Rahmen der nutri-amin basic Produktbeschreibung erläutert wird, dass die frei gelösten Aminosäuren in der Regulation der Korallen-Zooxanthellen-Symbiose eine regulatorische Funktion ausüben. Da dies auf der webseite steht, will ich das nicht nochmal hier erklären. Auch hierzu gibt es einige gute Studien die z.B. die Aufnahmeraten von diesen Aminosäuren in die Korallen (bei Tridacna wurde das auch gemacht) quantitativ nachweisen.
Aus praktischer Sicht gibt es eben auch noch den Effekt auf die Farbigkeit von SPS- und v.a. auch LPS Korallen. Einige Aminosäuren sind farbfördernd, sofern sie nicht zu konzentriert angeboten werden. Das ist bei der Aminosäuredosierung der Schlüssel zum Erfolg, zu viel ist definitiv schlecht. Die Dosierung und auch das Verhältnis der Aminosäuren muss schon angepaßt sein.
Aber es ist eben schwer, einen generellen Sinn der Aminosäuredosierung auf den Punkt zu bringen. Irgend eine Aminosäurelösung ins Becken zu schütten, die maßlos zu viel Aminosäuren in einer nicht optimalen Zusammensetzung enthält, macht wirklich mehr kaputt als besser. Das muss man schon sagen. Aber in einer physiologisch wirksamen Mischung ist der stabilisierende Effekt auf ein Aquariensystem durchaus praktisch nachweisbar.
Grüße
Jörg