Zitat
Original von LindaIch verstehe nicht, was falsch ist an der Annahme, dass die dann im besagten Verhältnis noch vorliegenden Nährstoffe ein guter Hinweis sind auf eine funktionierende Beckenbiologie. Vor allem dann, wenn sie in bescheidener absoluter Höhe gemessen werden und die Bewohner gesund erscheinen.
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Hallo Linda, und alle Anderen, danke für die netten Worte :-),
es ist grundsätzlich erst einmal nichts verwerfliches dabei, dass man Empfehlungen bzgl. einer generellen Nährstoffverteilung in der Korallenriffaquaristik gibt. Vermutlich wird jeder Einsteiger genau das den Händler Fragen, wie auch immer. Auf jedem Pflanzendünger steht die Verteilung der Nährelemente drauf, weil es auch offenbar eine Rolle spielt.
ABER, warum muss es ausgerechnet das Redfield-Verhältnis sein 
Es liegt vielleicht einfach daran, dass es so nett klingt, einfach auszusprechen und dennoch wissenschaftlich ist. Nur, die "Herleitung" dieses Verhältnisses zur Schaffung einer Grundlage für unsere Aquarien wird von der Theorie her total übers Knie gebrochen, und das stört mich.
Erstens ist das ewig alte Paper von Redfield (ist glaube ich aus den 60er Jahren, irgendwo hab ich das auch noch rumfliegen) eine rein hypothetische Geschicht gewesen. Vermutlich weiß auch gar nicht jeder, wie diese Zahlen zustande kamen und was sie bedeuten. Redfield hat einfach den Gehalt an Kohlenstoff, Stickstoff, Phosphor und später dann nochmal Eisen bestimmt und in Relation gesetzt, dabei kam raus, dass diese Phytoplanktonalge pro 106 Kohlenstoffatomen (kann man auch molar ausdrücken) aus 16 Atomen Stickstoff, 1 Atom Phosphor und 0,1 "Atomen" (hier wäre mol besser) Eisen besteht. Und dann hat er hypothetisch formuliert, dass es vermutlich optimal wäre, wenn im Nährmedium dieser Algen die Nährstoffe auch in der gleichen Verteilung vorliegen würden. Aber bis heute konnte das weder widerlegt noch bestätigt werden. In der Zwischenzeit hat man dass dann bei anderen autotrophen Organismen (anderen Algen und Bakterien) auch mal nachgemessen und dabei kamen unterschiedliche Werte raus, so dass sich auch keine echte statistische Signifikanz ergab, mit der man irgend etwas hätte anfangen können.
Zweitens ist es immer noch ein molares Verhältnis, und bezieht sich auf die Nährelemente Stickstoff, Phosphor, Kohlenstoff, etc. Da kann man als Aquarianer nicht einfach hingehen und sagen, "ich rechne das jetzt einfach mal über die Molmasse in eine Masse Nitrat und Phosphat um, und den Rest ignorier ich einfach". Und das sprach ich schon an, es gibt physiologische Unterschiede bei der Verwendung von Ammonium oder Nitrat. Der Nitratstickstoff muss erst von der Zelle reduziert werden, das macht die Verwendung von Nitrat theoretisch betrachtet nachteiliger als die Verwendung von Ammonium. Man könnte also auch hier Weiterdenken und hypothetisch sagen, dass ich bei der Dosierung von Ammonium ggf. ein anderes Verhältnis zu Phosphor einstellen müsste, als wenn ich Nitrat anbiete, einfach, weil pro Zeiteinheit Ammonium schneller aufgenommen und weiterverarbeitet werden kann als Nitrat.
Aber was nutzt uns all das theoretische Rumdiskutieren, Biegen und Brechen, nur um eine generelle Empfehlung "herzuleiten". Nur damit eine solche Aussage oder Empfehlung zitierfähig ist?
Und auch wenn Du, Linda, es nicht als Kochrezept ansiehst, andere tun das.
Das meiner Meinung nach größte Problem bei der Sache, das ich aber schonmal in einer Diskussion offenbar nicht richtig darstellen konnte, ist die Linearität dieses Verhältnisses. Gilt das über den gesamten Mess- und Wirkungsbereich, oder verändert sich das Verhältnis in Abhängigkeit davon, wie hoch der Gesamtnährstoffgehalt ist?
Wenn ich (wie hier auch irgendwo gepostet) 0,25 mg/L Nitrat habe und Phosphat entsprechend irgendwo bei ca. 0,025 mg/L ansiedeln sollte (vice versa), wäre das von der Wirkung auf die Nährstoffverfügbarkeit das gleiche, als hätte ich einen Nitratgehalt von 5 mg/L und einem daraus resultierenden Phosphatgehalt von ca. 0,5 mg/L? Beim besten Willen, ich würde bei 0,5 mg/L einem Kunden raten, sein Phosphatproblem in den Griff zu bekommen, aber über Nitrat würde ich mit ihm vermutlich gar nicht diskutieren. Ein anderer Kunde, der wiederum kein Nitrat messbar hat (weil man 0,25 mg/L zu Hause nicht messen kann!), und dabei 0,025 mg/L Phosphat messen kann, den würde ich vor einem Nitratmangel warnen. Das einzige, was in beiden Fällen gleich ist, ist die Frage, warum sich die beiden Kunden bei mir melden: weil sie ein Problem mit dem Becken haben. Alle anderen, die ähnliche Messergebnisse vorweisen können, das Becken aber ohne Probleme läuft, die melden sich nicht bei mir.
Also, worauf ich hinauswill ist, dass jeder Aquarianer sich am eigenen Schopfe packen und sein Becken "erlernen" muss. Dass das nicht leicht ist, will ich nicht behaupten, im Gegenteil. Aber die Aufgabe löst das Redfield Verhältnis nicht. Sondern nur die praktischen Erfahrungen, die sich jeder Aquarianer aneignen muss, um im Falle eines Nährstoffmangels oder eines Nährstoffüberschusses die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mal ganz oberflächlich betrachtet, bei einer akuten Stickstoffmangelsituation handelt derjenige richtig, der Nitrat dosiert und die Fehlerquelle für den unausgeglichenen Nährstoffhaushalt sucht, und nicht derjenige, der über dem ganzen Grübeln nach richtigen Verhältnissen vergisst, einfach mal die Hände aus der Tasche zu nehmen und praktisch zu handeln. Ob ich in so einmal Fall 1 oder 2 mg/L Nitrat zudosiere, ist doch egal, hauptsache, es passiert was.
So, genug geschrieben... mal wieder hält mich das Redfield-Verhältnis von der Arbeit ab...