Hallo,
zur ICP-Analyse wurde ja schon das Wesentlichste geschrieben. Das Problematischste sehe ich dabei im Zusammenhang mit der Frage nach den Spurenelementen.
Vielfach wird noch nicht begriffen, in welchen winzigen Mengenverhältnissen wir uns hier bewegen. Vieles ist dabei noch offen oder strittig:
1. Manche Spurenelemente sind essentiell, können aber sehr schnell toxisch werden. Die Grenzen liege im kleinsten µ-Bereich. Bei manchen Spurenelementen ist die tatsächliche biologische Wirkung noch weitgehend unklar, bei anderen schwankt die reale biologische Verfügbarkeit. Das kann am Beispiel des Kupfers aufgezeigt werden. Nur eines von 1000 im Meerwasser vorhandenen Kupferatomen kann biologisch wirksam sein, alle anderen sind gebunden, können aber auch beim Verbrauch schnell wieder durch Lösung ersetzt werden.
2. Die verschiedensten Spurenelemente werden dem Aquarienwasser in ganz individuellen Größenordnungen und unterschiedlichen Zeitabschnitten immer wieder nachgeliefert (Wasserwechsel, Fütterung etc.). Untersuchungen (z.B. durch Glaser) ergaben, dass in den allermeisten Becken die Konzentrationen ohne gesonderte Zugaben im Vergleich zum natürlichen Meerwasser bereits weit überhöht waren.
3. Über die richtigen Zielwerte gibt es nur fragwürdige Ansatzpunkte. Wie schon geschrieben, basieren sie größtenteils auf Skelettanalyen von Korallen, unklar ob dort tatsächlich biologisch wirksam oder nur opportunistisch eingelagert (gilt z.B. für das viel beworbene Strontium), aber in Größenordnungen völlig verschieden zu anderen Arten Niederer Tiere in unseren Aquarien, sowie Phyto- oder Zooplankton.
4. Dass nicht alle ICP-Analysen die winzigen Konzentrationen der Spurenelement genau messen können, habe ich schon geschrieben. Äußerst fragwürdig sind für mich aber die daraus abgeleiteten diversen Empfehlungen zu den anstrebenswerten Größenordnungen bei wissenschaftlich noch vielen offenen Fragen. Wieviel µg/g Aluminium soll in der Acropora X oder der Tridacna Y vorhanden sein? Wie verhalten sich z.B. Aluminium und Fluor zueinander? Es wurden sowohl Verringerungen der toxischen Wirkung als auch deren gegenseitige Verstärkungen beschrieben! Man könnte hierzu unendlich lange über auch viele andere Spurenelemente diskutieren.
Mehr als problematisch für mich ist dabei, dass Analyselabors oft auch mit Herstellern von Spurenelementmixturen identisch sind und fragwürdigste Dosierungsempfehlungen abgeben. Man kennt zwar die individuellen Verhältnisse der Becken nicht, möchte aber durch Wunderwerbung sein Mittel verkaufen. Mixturen sind dabei ja immer so eine Sache. Kaum ein Verbraucher weiß, wieviel Element X oder Y er pro Dosierung zugibt. Vielleicht fehlt bei ihm X, ist aber Y bereits erhöht vorhanden. Gibt er dies nun auch mit hinzu, erreicht er vielleicht schon eine toxische Wirkung!
Bei all diesen komplexen Fragen und Wirkungen glaube ich keinesfalls, dass durch die aktellen Entwicklungen und Angebote Haltungsfehler besser verhindert werden; ich fürchte in vielen Fällen eher das Gegenteil. Das hat für mich nichts mit altmodischen Einstellungen zu tun, sondern eher langen Erfahrungen und ein paar - bescheidenen! - chemisch-biologischen Kenntnissen. Besonders Einsteiger kann ich da nur warnen, denn ohne breiteres Hintergrundwissen kann man die Problematik nur schwer differenziert überblicken.
Händler und Hersteller sind keinesfalls Übeltäter!!! Da sitzt oft breites Fachwissen, aber auch dieses hat noch oftmals Grenzen. Aber wie im allgemeinen Leben gilt auch hier, dass man Werbung nicht immer als bare Münze nehmen kann.
Und nach wie vor gilt, wer in eine so komplexe Materie wie die Meeresaquaristik einsteigen möchte, sollte sich zunächst umfangreich informieren. Gute Fachliteratur - in einem obigen Beitrag angeführt - ist hierfür immer noch die weitaus beste Quelle. Wie für viele Lebensbereiche gilt auch hier, dass man nicht alles auf Rezept erhalten kann. Wesentliches muss man sich selbst erarbeiten; lernen und nicht vom Haben wollen oder bunten Bildern, sondern vom realen eigenen Können leiten lassen.
So, dass war "Wort zum Sonntag" / äh Freitag. ![]()
Gruß
Bernd
