Hallo Hans-Werner,
ich finde es gut, dass Du Dir die Mühe gemacht hast, das Thema Aquariengestaltung nochmals, diesmal sachlich und ohne unsinnige Emotionen, aufzugreifen.
Allerdings besteht hier nach meiner Auffassung bei einigen Punkten Ergänzungs- und Diskussionsbedarf:
Zunächst fehlt mir eine Aussage,was für ein Becken man überhaupt gestalten will. Sicher gibt es einige Gestaltungsanregungen, die man aus der Kompositionslehre der Fotografie oder Malerei übernehmen kann und manche Deiner hier geschriebenen Grundsätze findet man schon bei Arend van den Nieuwenhuizen in seinem Buch "Das Wunder im Wohnzimmer". Aber trotzdem stellt sich die Frage, was man überhaupt will, ein optisches Kunstwerk, eine Miniaturlandschaft im Bonsai-Stil, eine Märchenlandschaft wie die holländischen Aquarien im Süßwasserbereich, einen kleinen Ausschnitt aus der Natur oder - wie heißt es heute so aufgeplustert - "Aquascaping" als Ausdruck eines neuen Life-Styles?
Diese Festlegung ist schon grundsätzlich notwendig. Weder Bonsai- noch holländische Märchenlandschaften entsprechen natürlichen Gegebenheiten. Sie sollen auf den Betrachter schön und dekorativ wirken, schaffen aber eine Kunstwelt. Deutlich wird dies an Deinen Ausführungen zu den Farben und Strukturen. Was Du als "chaotisch" bezeichnest, entspricht normalerweise den realen natürlichen Gegebenheiten. Eine harmonische Zusammenstellung ähnlicher Farbtöne oder etwa eine Gestaltung mit verschiedenen Blautönen kann man natürlich machen, dies gibt es aber in keinem realen Riffbereich!
Offen ist auch, ob man eine Rückscheibe frei halten sollte und mit dem Hintergrund Tiefe vermitteln möchte. Durchaus kann man ja auch einen Riffausschnitt aus einer Sicht im Nahraum gestalten wollen. Die oftmals dargestellten Filigranstrukturen vor blauem Hintergrund findet man in der Natur zumindest in diesen Größenverhältnisse so gut wie nie, denn aufgrund der enormen Kräfte des Wassers gerade an den Riffkanten sind eher massive Strukturen entstanden.
Also stellt sich die Frage, will man ein "Life-Style"-Aquarium oder etwas anderes? Schon Nieuwenhuizen sah seinen Weg nur als ein Beispiel einer Gestaltungsmöglichkeit, nie als ein Muss, hat auf den persönlichen Geschmack hingewiesen und nie versucht, verbindliche Regeln festzulegen.
Viele Gestaltungsüberlegungen leiten sich ja auch aus der Gartengestaltung ab. Auch da gibt es immer nur Regeln für eine bestimmte Gartenform, nie aber für den Garten schlechtenhin. Vom bunten Bauerngarten oder dem farbenfrohen englischen Cottage-Garten bis zum kühlen Schattengarten, in dem man eher mit Blattformen und unterschiedlichen Grüntönen gestaltet, gibt es ganz kontroverse Ansätze. Dies gilt sicher auch für die Aquariengestaltung.
Einen wichtigen Gesichtspunkt würde ich noch ergänzen: Es kommt bei der gestalterischen Wirkung eines Aquariums nicht nur auf den Beckeninhalt an. Mindestens genauso wichtig ist die Integration in den Wohnraum, die Einpassung in den Raum und das Mobiliar. Da erlebt man leider in der Praxis oftmals - trotz schöner Aquariengestaltung - schreckliche Wirkungen.
Gruß
Bernd