Hallo,
für diejenigen, denen es kein Unwohlsein bereitet den Beitrag von Jörg Kokott zu lesen, hier der relevante Auszug es dem Aufsatz (Korallenriff.de vom 26.06.2012), den ich nun doch herausgekramt habe:
"Wenn wir das Aquarium als ein Ökosystem betrachten, und genau ein
Solches ist es, dann stehen wir selbst im Mittelpunkt der Geschehnisse,
wenn es darum geht zu bestimmen, welche Organismen in dieses Ökosystem
einziehen und welche nicht. Ohne einen entsprechenden Besatz mit
Korallen wird sich ein "einfahrendes" Riffaquarium nicht als Solches
entwickeln. Vorprogrammiert sind Probleme mit Algen, weil diese weder
eine Raum-, noch eine Nährstoffkonkurrenz durch Korallen erfahren. Das
Verschwinden von Algen in der sog. "Einfahrphase" (wobei ich betonen
möchte, dass ich persönlich diesen Begriff in der heutigen Moderne für
unpassend halte, weil er durch seine historische Entwicklung generell
eine lange Wartezeit impliziert) liegt daran, dass ein einsetzender
Nährstoffmangel die Algenpopulationen zum Absterben zwingt. Allerdings
wird eine in das nun algenfreie Aquarium neu eingesetzte Koralle an
diesem Nährstoffmangel leiden und vermutlich ihrerseits schnell
absterben. Der Mangel an essentiellen Hauptnährstoffen ist wie ein Stock
in die Speiche, v.a. deshalb, weil sich die Koralle genau jetzt an die
neuen Strahlungsbedingungen sowie auch an die neuen Strömungsbedingungen
akklimatisieren muss, was sehr energiezehrende Prozesse sind. Wenn die
eingesetzte Koralle abstirbt, wird das Gewebe schnell zersetzt und es
erfolgt letztlich eine Freisetzung von Nitrat und Phosphat. Das hat zur
Folge, dass sich die wiederum ruhenden Dauerstadien der zurückgezogenen
Algen auf die erneut verfügbaren Nährstoffe stürzen und die
Algenpopulation schnell wieder dahin wächst, wo sie vor der
Nährstofflimitierung war. Die "Einfahrphase" nimmt nicht selten auf
diese Art und Weise kein Ende. Zwar gibt es Ausnahmen, die belegen, dass
auch eine solche "Einfahrphase" irgendwann zum Erfolg führt. Eine
solche Vorgehensweise, wie sie auch in Büchern propagiert wird, entbehrt
jedoch für mein biologisches und chemisches Sachverständnis jegliche
nachvollziehbare Erklärung und ist im Idealfall nur pure Zeit- und
Geldverschwendung. Meistens enden diese Vorhaben in einer etablierten
Algenpopulation, die nur mühselig zu bekämpfen ist, schließlich gibt
kein Organismus unter optimalen Bedingungen seinen Platz im Universum
auf, auch nicht im Aquarium.
Ziel der Einrichtung und Gestaltung
eines Ökosystems unter menschlicher Obhut (das kann im Übrigen auch ein
Garten oder ein Teich sein), ist das zügige und effektive Einbringen der
Organismen, die den Lebensraum besiedeln sollen. Für Riffaquarien
bedeutet dies, dass wir Korallen einsetzen müssen, wenn wir ein
Korallenriffaquarium pflegen möchten. Gemäß der ökologischen
Gesetzmäßigkeiten in der Natur spielt die Verdrängung von unerwünschten
Algen durch eine Raumbesetzung, als auch durch eine schnellere und
effektivere Aufnahme von begrenzten Nährstoffen eine zentrale Rolle bei
der langfristig erfolgreichen Aquarienpflege. Dies gelingt nur durch das
frühzeitige Einsetzen von Korallen, die v.a. auch in frisch angesetztem
Meerwasser mit den heutigen modernen Meersalzmischungen keine
Schwierigkeiten haben. Ohne hier ganz konkret werden zu wollen, weil es
nicht Hauptanliegen dieses Artikel ist, kann man den Zeitpunkt des
Korallenbesatzes bei meinen Aquarien an einer Hand abzählen."
Und der Auszug aus dem angeführten Kommentar von ihm vom 17.08.2012:
"Es geht gar nicht darum, welche Stoffwechselwege schon etabliert sind
und welche nicht. Die Ausgangsbelastung ist in jedem Aquarium
unterschiedlich, abhängig vom verwendeten Ausgangswasser, von der Art
und Qualität der Steine, des Bodengrunds, etc. Was aber sehr schnell
passiert, ist das Bakterien wachsen und Biomasse aufbauen, also
Nährstoffe, die Du jetzt irgendwo schon in Denitrifikationsprozessen
siehst, direkt verwerten. Das gleiche machen Korallen auch, die nehmen
Ammonium und Nitrat auf. Also unabhängig von den jeweiligen
Stoffkreisläufen setzen wir gleich zu Beginn Verbraucher ein, die direkt
Einfluß auf den Nährstoffgehalt nehmen. Eine Koralle braucht
anorganischen Stickstoff, als Ammonium oder als Nitrat, und dabei ist es
der Koralle völlig egal, was im Aquarum mit der Denitrifikation los
ist.
Viele Aquarianer haben z.B. vor einer Nitritbelastung Angst, und setzen
deshalb keine Korallen ein. Das ist aber absolut unbegründet:
Zum einen, würden Sie zügig Korallen einsetzen, dann wäre die
Nitritentstehung vermutlich gar nicht so groß, weil die Korallen gleich
das Ammonium verwerten. Zum anderen, die Giftigkeit von Nitrit liegt
darin, dass es als Oxidationsmittel eisenhaltige Enzyme in ihrer
katalytischen Fähigkeiten einschänkt. Paradebeispiel ist das Hämoglobin,
also der rote Blutfarbstoff, der bekanntlich Sauerstoff und CO2
transportiert. Durch die Oxidation des Eisenatoms im Hämoglobin wird die
Sauerstoffbindung gestört. Für einen Fisch bedeutet das, dass er
letztlich erstickt. Korallen besitzen kein Hämoglobin, und folglich
werden sie diesbezüglich gar nicht durch Nitrit belastet. Natürlich gibt
es einige andere eisenhaltige Enzyme in der Atmungskette, die ebenfalls
vom Nitrit gestört werden können. Praktisch habe ich aber noch nie eine
Nitritschädigung an Korallen feststellen können, vielleicht deshalb,
weil Nitrit von den Zooxanthellen im Korallengewebe abgezogen wird, und
sich die Koralle dadurch bei einer Nitritbelastung entgiften kann.
Allerdings habe ich das bei azooxanthellaten Korallen auch noch nicht
erlebt.
Wie auch immer, was die Frage mit den SPS angeht: es macht keinen Sinn,
mit irgendwelchen anderen Korallen anzufangen, wenn man letztlich nur
SPS pflegen möchte. Was die Pflegebedingungen von SPS angeht haben wir
doch heute genauste Kenntnisse, wenn der Nährstoffgehalt nicht zu hoch
ist und der Kalkhaushalt stabil ist, warum soll ich dann nach 5 Tagen
nicht eine SPS einsetzen? Klar, wenn ich mit schlechten Steinen 0,3 mg/L
Phosphat im Becken habe, dann würde ich das auch nicht machen. Aber ein
solcher individueller Umstand rechtfertigt ja keine generelle Aussage
darüber, dass man SPS erst nach 2, 3 oder 6 Wochen einsetzt. Wie gesagt,
man muss die Rahmenbedingungen prüfen und entsprechend agieren."
Gruß
Bernd