Hallo,
ich erlebe es hier recht häufig, dass man Erfahrungswerte schnell mit dem Attribut "das haben wir schon viele Jahre so gemacht" in eine scheinbar veraltete Richtung zu schieben versucht.
Ja, ich sehe heute noch immer überzeugende Gründe, mit Lebendgestein zu arbeiten und ja, ich sehe eben so wie Armin Glaser auch den großen Sinn, mit regelmäßigen Teilwasserwechseln das Aquarium stabiler zu halten. Und dies nicht nur aus den hier bisher vorwiegend angeführten Gründen der Erhaltung oder Ergänzung bestimmter chemischer Statuswerte - was gerade für nicht so Erfahrene oft nicht ganz einfach und verständlich ist - , sondern eben auch hinsichtlich der Problematik des Austrages kritischer Stoffe.
Klar, man kann mit Ozon und Aktivkohle viele negativ wirkenden organischen Verbindungen eliminieren oder binden, sofern man dies richtig macht! Aber hierzu bedarf es auch einiges Wissens! Weiß wirklich jeder, welche der auf dem Markt angebotenen Aktivkohlen für seinen Zweck die richtige ist? Achtet jeder auf die richtige DIN-Norm (EN 12915-1), damit die Kohle nicht mit Schwermetallen belastet ist? Ist jede der angebotenen Kohlen, auch die aus Importen wie China, wirklich phosphatfrei? Welche Porengröße ist für unsere individuelle Beckensituation nötig, d.h. kennen wir die Art der speziellen organischen Störstoffe im speziellen Einzelfall und die für die Absorption nötige Porengröße? Herstellerangaben hierzu findet man selten. Wie wirkt die Aktivkohle auf den Status der Spurenelemente im Becken? Es macht nämlich wenig Sinn, teure Präparate mit Spurenelementen ins Becken zu kippen und diese dann gleich wieder mit Aktivkohle aus dem Wasser zu entfernen. Wer weiß welche Herstellungsrückstände im jeweiligen Produkt oder welche Ionenaustauschergruppen darin enthalten sind und wie man dies erkennt?
Aus vielen Beiträgen in den Foren könnte man annehmen, dass unser Meerwasseraquarium ein einfaches, klares chemisches System ist, dass man nach bestimmten Standardrezepten betreiben kann. In Wirklichkeit haben wir aber komplexe biologisch-chemische Situation. So kann Aktivkohle - besonders im Dauerbetrieb - auch breite biologische Wirkungen als Siedlungsfläche oder direkte Sorption von Bakterien entfalten.
Ich könnte hierzu noch viel schreiben. Es geht mir um das beispielsweise Aufzeigen der komplexen Problemstellungen, die man schon allein hinsichtlich der Aktivkohle kennen sollte und ohne wirkliche Erfahrungswerte oftmals nur schwer beurteilen kann. Für Einsteiger ist dies eine Wand vor der man stehen kann, gelegentlich auch noch angereichert mit Halbwissen mancher Ratgeber. Ob ein Rat zum Einsatz von Aktivkohle statt Wasserwechsel gerade für nicht so tief in der Materie Steckende wirklich der Richtige wäre, möchte ich doch bezweifeln!
Es mag für Manchen hier nicht unbedingt en vogue sein, auf Bewährtes hinzuweisen. Aber Mancher ist vielleicht auch dankbar, wenn er Hinweise dafür bekommt, dass es nicht immer das neueste und teuerste Produkt sein muss, um ein Riffaquarium zuverlässig zu betreiben. Nichts gegen den kommerziellen Bereich in der Aquaristik, ohne den es auch nicht gehen würde, aber man sollte auch sehen, dass man nicht jeder Werbung folgen muss.
Deshalb nochmals gerade für Einsteiger: Regelmäßige kleine Teilwasserwechsel auf der Basis eines guten Markensalzes sind bei allen Systemen und gleich welcher Versprechungen gute Alternativen zu manch teuren und für Einsteiger schwer zu überschauenden Maßnahmen.
Gruß
Bernd