Hallo Cyanofighter :),
unabhängig davon, ob Cyanobakterien der Ordnung Oscillatoriales ein bestimmtes Lichtspektrum fürchten oder lieben, beschäftigt mich seit Jahren ein Verständnisproblem grundsätzlicher Natur. An sich hab ich's bei verschiedenen Gelegenheiten schon mehrmals erwähnt, aber nie hat jemand die Frage aufgegriffen ...
Eine derart alte, anpassungsfähige und erfolgreiche Lebensform wie die Cyanobakterien hätte andere Lebensformen gar nicht erst aufkommen lassen dürfen, wenn sie nicht auch verwundbar wäre. Tatsache ist, dass z.B. neue Lebensräume wie etwa länger bestehende Regenlacken oder frisch ausgebaggerte Teiche anfangs meist von Cyanobakterien besiedelt werden und sich andere Organismen erst allmählich ansiedeln. Mit der Zeit verringert sich die Cyanopopulation 'ganz automatisch', bis sie mit freiem Auge nicht mehr sichtbar ist.
Warum ist das so?
Eine mögliche naturwissenschaftliche Erklärung habe ich vor Jahren in einer Folge der Sendung Universum gehört im Zusammenhang mit der Anpassung des Blinden Höhlenfisches Astyanax mexicanus an seinen Lebensraum. Ein Artikel über dieses Thema findet sich auch auf http://www.scienceticker.info/2007/02/15/spa…isch-erblinden/
Weiter gedacht geht es also um die Energieeffizienz, die Allrounder im Vergleich mit weniger anpassungsfähigen Organismen benachteiligt. Jede Fähigkeit, die nicht (mehr) benötigt wird, kostet bloß unnötig Energie.
Auf den Lebensraum Aquarium umgelegt würde das bedeuten: Wenn die Lebensbedingungen etwa für Nitrifikanten nicht passen treten an deren Stelle die anpassungsfähigeren Cyanobakterien, mit ihnen gemeinsam oft Schwefelbakterien und in der Folge Dinoflagellaten, die sich von ihnen ernähren. Irgendwann gelangt der Lebensraum trotzdem in einen Zustand, der es anderen Organismen ermöglicht sich zu etablieren, und zwar teilweise unabhängig von den Ausgangsbedingungen.
Die Conclusio daraus: Bei der Neueinrichtung oder gravierenden Eingriffen in das System wie etwa großflächigem Austausch des Bodensubstrats oder massiven Änderungen des Riffaufbaus ist abwarten oft die geeignete Methode. Bei massenhaftem Auftreten von Cyanobakterien & Co in einem zuvor gut laufenden System passt oft die Substratstruktur nicht (weil zu grob und folglich mit Detritusansammlungen in einem Bereich, der nicht mehr genug Sauerstoff aufweist für einen effizienten aeroben Abbau), oder es wird etwa wegen einer Bestandserhöhung von heute auf morgen der Nährstoffeintrag erhöht, und das System kann sich nicht so rasch drauf einstellen. In diesem Fall ist vermutlich maßvolles Absaugen der Cyanobeläge das Mittel der Wahl, aber vor allem die Beseitigung der Ursachen. Die Erhöhung des Nährstoffeintrags ist dabei das geringste Problem und erledigt sich oft von allein binnen ein paar Wochen. Heikel ist es allenfalls für Korallen, wenn die ohnehin geschwächt durch die Veränderung der Umweltparameter auch noch mit Sediment- und Cyanobelägen überzogen werden.
Was ich damit sagen will: Ich halt es für den falschen Ansatz, Cyanobakterien unmittelbar zu 'bekämpfen'.
Wenn ihr's mit nicht glauben wollt: Ich hatte bisher 2 Paradebeispiele 'cyanoverseuchter' Aquarien - eine Zwergseepferdchenkoppel, die ich aus einer Fehleinschätzung heraus mit desinfizierten Höheren Algen bepflanzt hatte (die mir diese Behandlung schwer übel genommen haben) und ein Mini-Riff, das ich mit Steinen aus dem Becken einer leider verstorbenen Aquarianerin eingerichtet habe. Die waren allerdings zuvor 3 Wochen lang in lediglich belüfteten Kübeln untergebracht gewesen und in einem entsprechenden Zustand. Es hat mich einfach interessiert, wie sich die Sache entwickelt, deshalb habe ich die Steinbrocken ohne weitere Behandlung eingebracht.
Im Anhang findet ihr vorher-nachher - Fotos. Dazu möcht ich anmerken, dass ich außer einer einmaligen Cyano-Absaugaktion und einer Nachbesetzung von Caulerpa in der Pferdchenkoppel, gelegentlichem Wasserwechsel und dem Einsatz eines Bakterienstarters keine gröberen Maßnahmen gesetzt habe. Die Pferdekoppel hat etwa 1 Jahr gebraucht, bis sie ihr Gleichgewicht gefunden hat, das Miniriff grad mal ein paar Wochen.
Liebe Grüße
Linda